Nahost-Politik : Juden unter sich: Wie viel Kritik verträgt Israel?

In jüdischen Gemeinden, besonders in den USA und Großbritannien, ist ein Streit über das Verhältnis zu Israel entbrannt. Eine Internet-Nachlese von Clemens Wergin

Auslöser des Streits war ein Essay, das Alvin H. Rosenfeld, Professor für jüdische Studien an der Indiana Universität (IN), für das liberale "American Jewish Committee" geschrieben hat. Darin wirft er einer kleinen Gruppe von linken jüdischen Israelkritikern vor, nützliche Idioten für Antisemiten zu sein. Rosenfeld bestreitet nicht, dass Israelkritik legitim ist. Er sieht die Grenze jedoch dort überschritten, wo jüdische Antizionisten Israel das Existenzrecht absprechen, dessen Aktionen mit denen der Nazis vergleichen und von "ethnischen Säuberungen" oder einem Genozid an den Palästinensern sprechen. Rosenfeld nennt auch Ross und Reiter: Noam Chomsky, Tony Judt, Tony Kushner und Alisa Salomon glichen in ihren Polemiken gegen Israel immer mehr nichtjüdischen Antisemiten.

Die Kritisierten schlugen wortreich zurück. Eine interessante Wendung nahm der Streit in Großbritannien, wo sich eine Koalition von "Unabhängigen jüdischen Stimmen" zusammenfand, die der Meinung sind, dass jüdische Organisationen ihre israelkritische Position nicht ausreichend vertreten. Auf der Online-Kommentarseite des Guardian schreiben sie, "die Lehren aus unser eigenen Geschichte drängen uns dazu, uns öffentlich zu äußern", und pochten auf ihr Recht auf Kritik, ohne gleich der Illoyalität bezichtigt zu werden.

Die meisten der Unterzeichner sind nicht so radikal in ihrer Israelkritik wie die von Rosenfeld genannten. Neben Beifall gab es auch Kritik in der britischen Öffentlichkeit, zum Beispiel von Emanuele Ottolenghi, der in Oxford über den Nahostkonflikt forscht. Er hält das Ganze für eine Frage der Repräsentation. Wer in einer jüdischen Organisation demokratisch gewählt sei, habe damit auch das Recht, diese öffentlich zu vertreten. Wenn die "unabhängigen Stimmen" mehr Einfluss in der jüdischen Gemeinde wollten, könnten sie sich ja zur Wahl zu stellen oder eigene Organisationen gründen.

Ottolenghi ärgert sich besonders darüber, dass die Kritiker sich als Opfer des Establishments inszenieren. "Viele der Unterzeichner haben prominente Positionen inne, es handelt sich um Intellektuelle, die regelmäßigen freien und ungehinderten Zugang zur Öffentlichkeit haben", schreibt er. Ihre Ansichten seien ja ohnehin Mehrheitsmeinung - im nichtjüdischen Teil der europäischen Gesellschaften. ()

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