Nordirland : "Dr. No" als Ja-Sager

Drei Mal nein - das war über Jahrzehnte hinweg das Programm des protestantischen Predigers Dr. Ian Richard Kyle Paisley. Muss er jetzt - als neuer Regierungschef - doch noch ja sagen?

London - Paisley ist der "Dr. No" der nordirischen Politik. Nein zu einem vereinten Irland, nein zu einem Mitspracherecht für die Katholiken und nein zu allen Kontakten mit der Untergrundbewegung IRA. Nun könnte sein, dass der Vorsitzende der Protestantenpartei DUP zum Ja-Sager werden muss: Der Geistliche wird im hohen Alter von 80 Jahren vermutlich nächster Regierungschef.

Für Paisley wäre dies eine ziemliche Zumutung. Als "Erster Minister" einer Allparteienregierung in Belfast müsste er mit genau jenen Leuten zusammenarbeiten, die er in seiner gesamten politischen Karriere stets verteufelt hat. Als fast gleichberechtigen Stellvertreter hat die Katholikenpartei Sinn Fein den ehemaligen IRA-Kommandanten Martin McGuinness vorgesehen.

Es ist noch gar nicht lange her, dass der Pastor zu solchen Gedankenspielen sagte: "Nur über meine Leiche." Inzwischen hat er sich zu der Sprachregelung durchgerungen: "Als Mann Gottes muss ich bereit sein zu vergeben." Und ein Mann Gottes ist er in der Tat. Über ein halbes Jahrhundert ist es her, dass der Vater von fünf Kindern seine eigene Glaubensrichtung gründete, die Freie Presbyteranische Kirche.

Seit 1971 ist er Chef der Demokratischen Unionisten, die er von einer Mini-Partei zur stärksten politischen Kraft in Nordirland machte. Für die DUP zog Paisley ins nordirische Parlament ein, ins britische Unterhaus und auch ins Europa-Parlament. Dort machte er Schlagzeilen, weil er 1988 den damaligen Papst Johannes Paul II. als "Antichristen" beschimpfte. Es war nicht die einzige Figur von weltweiter Prominenz, die der wortgewaltige Mann mit Tiraden überzog. Auch Tony Blair kann ein Lied davon singen.

Paisley noch skeptisch

Bislang äußert sich Paisley recht skeptisch dazu, ob es in Belfast tatsächlich zu einer Allparteienregierung kommen kann. Noch weniger will sich der Pfarrer - auch mit 80 noch ein Hüne - vom britischen Premierminister Blair und dessen irischem Kollegen Bertie Ahern unter Druck setzen lassen, die bis zur Regierungsbildung nicht einmal drei Wochen Zeit lassen wollen. Der DUP-Chef hat auf seine alten Tage aber auch ein Interesse an einem Kompromiss.

Nach vier Jahrzehnten mit mehr als 3000 Toten hat die große Mehrheit der Nordiren genug von dem ewigen Konflikt. Eine dauerhafte Friedenslösung wäre für Paisley die einzige Chance, nicht als "Dr. No" in Erinnerung zu bleiben, sondern als Mann der Aussöhnung. Allerdings wäre es auch eine ziemliche Ironie der Geschichte, wenn ausgerechnet ihm dies gelingt. (Von Christoph Sator, dpa)

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