Gibt es demnächst noch einen Auschwitz-Prozess?

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NS-Verbrechen : Ein neuer Fall Demjanjuk?

Aber damit enden die Gemeinsamkeiten. Demjanjuk kam als Soldat der Roten Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft und ließ sich im Lager für den SS-Wachdienst anwerben. Johann B. jedoch meldete sich 1942 wie viele sogenannte „Volksdeutsche“ sogar freiwillig zum Dienst in der Waffen-SS und gehörte später den Totenkopfverbänden an. Im Konzentrationslager Buchenwald ließ er sich zum Wachmann ausbilden und kam vermutlich im November 1943 nach Auschwitz. Anders als Demjanjuk, der bis zum letzten Prozesstag leugnete, je in Sobibor gewesen zu sein, gab Johann B. seine Tätigkeit als Wachmann in Auschwitz bei Vernehmungen in den USA zu. Er habe aber keine Gefangenen getötet oder gefoltert, betonte er.

Wenn er jedoch auch Wachmann im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau war – und davon sind die Ermittler überzeugt –, dann hat er zwangsläufig beim Massenmord an den europäischen Juden mitgemacht. Denn eine Arbeitsteilung gab es unter den Wachleuten in Auschwitz nicht, die verschiedenen Dienste wurden rotierend von allen geleistet, und wenn die Deportationszüge ankamen, mussten ohnehin alle SS-Männer mithelfen. „Durch seine Tätigkeit beim Absperren der Rampe, beim Wachdienst um das Lager und den Dienst auf den Wachtürmen im Lager Birkenau hat er die Vernichtung der Deportierten im Zusammenwirken mit anderen SS-Angehörigen gefördert“, betonen die Ludwigsburger Ermittler.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lebte Johann B. einige Jahre in Bayern, bevor er 1952 in die USA auswanderte. Weil seine Mutter Amerikanerin war, konnte ihm die US-Staatsbürgerschaft später nicht entzogen werden, obwohl ihm die Behörden nachweisen konnten, bei der Einreise und der Einbürgerung falsche Angaben zu seiner Vergangenheit gemacht zu haben.

Die Ermittlungsakten aus Ludwigsburg liegen nun bei der Staatsanwaltschaft im kleinen Weiden, weil B. in der Nähe seinen letzten Wohnsitz in Deutschland gehabt haben soll. Genau das, nämlich die Zuständigkeit seiner Behörde, will der leitende Oberstaatsanwalt Schäfer zunächst prüfen. Das könne mehrere Wochen dauern, kündigte er bereits an. Danach muss die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob sie ein Auslieferungsersuchen an die USA stellt. Sollte Anklage erhoben werden und der Fall vor Gericht kommen, würde es in Deutschland noch einmal einen Auschwitz-Prozess geben. Claudia von Salzen

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