Bei ihrem letzten Anruf sagte sie: Es ist was passiert in Eisenach.

Seite 3 von 3
NSU-Angeklagte Beate Zschäpe : Die Frau im Schatten

Für die Beamten ist die Aktion trotz der Funde ein Fehlschlag, das Trio taucht ab. Es wird fast 14 Jahre dauern, bis die Polizei Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe wieder entdeckt. Die beiden Uwes am 4. November 2011 als Leichen in einem brennenden Wohnmobil in Eisenach, Beate Zschäpe vier Tage später an der Pforte einer Polizeistation in Jena. Die Frau stellt sich.

Die 14 Jahre Untergrund bleiben bis heute zumindest in Teilen eine Black Box. Die Ermittler haben nur wenige Erkenntnisse darüber, was Zschäpe in all den Jahren gemacht hat, warum sie bei den Uwes blieb, was sie von deren Mord- und Raubtouren wusste. Bei Mutter und Großmutter hat sie sich offenbar nie gemeldet. Nachbarinnen aus Zwickau, wo sich das Trio von 2000 an in drei Wohnungen versteckte, und Urlaubsbekanntschaften, die das Trio bei Urlauben auf der Insel Fehmarn erlebten, schildern so ungläubig wie Sabine Schneider eine freundliche, lustige, warmherzige Frau. Die sich allerdings in dieser Zeit nicht Beate Zschäpe nennt, sondern „Lisa Dienelt“ oder „Susann Dienelt“ oder einfach „Liese“. „Ich habe mit Liese häufig morgens Sport gemacht“, erzählt später eine Zeugin der Polizei, die Zschäpe 2001 auf Fehmarn kennengelernt hatte. „Und mittags haben wir uns gesonnt“. Die Liese habe ihr auch erzählt, „dass sie zwei Katzen hat, die zu Hause von einer Freundin versorgt werden“. Das mit den beiden Katzen stimmt sogar. „Heidi“ und „Lilly“ geht es gut in der Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße, wo sie auch einen kleinen Kratzbaum haben.

BKA veröffentlicht Urlaubsbilder der Zwickauer Mörderbande
08.05.2012: Bei den Ermittlungen zur Nazi-Terrorzelle NSU hat das Bundeskriminalamt einen neuen bundesweiten Fahndungsaufruf gestartet. Die Ermittler veröffentlichten am Dienstag Urlaubsbilder der inzwischen toten Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sowie ihrer mutmaßlichen Komplizin Beate Zschäpe. Hier sitzen Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe anscheinend in einem Campingwagen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: dapd
08.05.2012 21:2208.05.2012: Bei den Ermittlungen zur Nazi-Terrorzelle NSU hat das Bundeskriminalamt einen neuen bundesweiten Fahndungsaufruf...

Wie die Wohnung des Trios sonst noch aussah, ist für die Bundesanwaltschaft ein Beweis dafür, dass Zschäpe in die Taten von Mundlos und Böhnhardt eingeweiht war. Fünf Kameras überwachten die Umgebung der Wohnungstür. Eine weitere Tür war massiv gesichert und mit einem Schallschutz versehen, der Eingang zum Kellerraum mit einem Alarmsystem ausgestattet. Nachdem Zschäpe am 4. November 2011 die Wohnung angezündet hatte und dabei das halbe Haus in die Luft flog, fand die Polizei im Brandschutt zwölf Schusswaffen, darunter die Ceska Typ 83. Mit ihr erschossen Mundlos und Böhnhardt die neun Migranten türkischer und griechischer Herkunft.

Aus Sicht der Bundesanwaltschaft gibt es noch mehr Belege für die Beteiligung Zschäpes an allen Verbrechen. Sie habe 2001 gemeinsam mit Mundlos und Böhnhardt vom Mitangeklagten Holger G. die Ceska entgegengenommen, sagen Ermittler. Sie habe zudem mit erfundenen Geschichten gegenüber Nachbarn die häufige Abwesenheit der beiden Uwes „abgetarnt“. Und sie habe die Beute der Raubzüge verwaltet und nach der Brandstiftung in Zwickau 15 Briefe mit der Paulchen-Panther-DVD verschickt, auf der sich der NSU zu den Morden und Anschlägen bekennt.

Die Ermittler betonen auch, eine Zeugin erinnere sich daran, Zschäpe am 9. Juni 2005 in Nürnberg gesehen zu haben. Sie soll in einem Supermarkt gestanden haben, kurz bevor Mundlos und Böhnhardt im benachbarten Imbiss den Türken Ismail Yasar erschossen. Zschäpes Anwälte halten gerade diese Aussage für unglaubhaft. Die Zeugin habe erst, nachdem Zschäpes Bild über die Medien bekannt geworden war, behauptet, sie damals gesehen zu haben. Für die Verteidiger gibt es keinen tragfähigen Beweis, dass Zschäpe an den Morden beteiligt war.

Ein Hinweis dafür, dass Zschäpes Bindung an den Rechtsextremismus heute vielleicht schwächer sein könnte, sind die Anwälte selbst. Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm sind integre Juristen, von jedem Verdacht der Nähe zur Szene weit entfernt. Die Verteidigerin des Mitangeklagten Ralf Wohlleben hingegen war auch Mitglied der NPD.

Zschäpes Anwälte sprechen nur ungern darüber, wie es ihrer Mandantin heute geht. In Justizkreisen heißt es, sie lese in ihrer Zelle viele Akten. Mutter und Großmutter hätten sie besucht.

Beate Zschäpe bleibt eine nur schwer zu begreifende Figur. Selbst eine Frau, die Zschäpe etwas besser kannte, dringt in die Black Box kaum ein. „Ich kann hier sagen, dass ich die Beate wirklich gemocht habe“, gibt Brigitte Böhnhardt im Januar 2012 bei einer Vernehmung zu Protokoll. Sie ist die Mutter von Uwe Böhnhardt, ihr toter Sohn und Zschäpe waren vermutlich bis zuletzt ein Paar. „Sie war kontaktfreudig, aufgeschlossen und ein nettes Mädchen“, sagt Brigitte Böhnhardt. „Dass sie ein tragendes Mitglied dieser Gruppierung (gemeint ist der NSU) gewesen sein soll, ist für mich unvorstellbar.“

Den letzten Kontakt zu Zschäpe hatte Brigitte Böhnhardt am 5. November 2011, einen Tag nach dem Tod der beiden Uwes. Gegen 7 Uhr habe eine weibliche Stimme angerufen. „Hier ist Beate“, habe sie gesagt, „Uwes Beate“. Und „dass wir Nachrichten schauen sollen. In Eisenach wäre etwas passiert und es würde sich um die beiden Jungens handeln“. Zschäpe deutete an, auch die Eltern von Uwe Mundlos anrufen zu wollen. Brigitte Böhnhardt war geschockt und sprachlos. „Wir sagten dann beide gar nichts mehr.“ Und Zschäpe legte auf.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

22 Kommentare

Neuester Kommentar