Warum Gamze Kubasik nicht mehr schlafen kann

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NSU-Mord an Mehmet Kubasik : Das Leben mit dem Schmerz
Mehmet Kubasik auf einem undatierten Bild.
Mehmet Kubasik auf einem undatierten Bild.Foto: Ufuk Ucta


Auf dem Sofa kann Gamze Kubasik nicht mit Worten formulieren, wie nahe sie ihrem Vater war. Sehr nahe jedenfalls. Sie erzählt von einem herzlichen Mann, offen und geradeaus, der auf die Menschen zugegangen sei. In ihrer Erinnerung lacht der Vater meistens, sie wiederum dreht stundenlang mit den Fingern in seinem Haar herum oder spielt ihm Streiche. Am liebsten guckt sie ihm einfach zu, wie er mit den Leuten redet. Das macht sie stolz.

Der Laden in Dortmund wird für viele Anwohner ein Treffpunkt. Mehmet Kubasik hat hier getan, was er offensichtlich sehr gut konnte, mit Menschen reden, ihnen das Gefühl geben, hier hört ihnen einer zu. Er kannte bald jeden in dieser Gegend, es ergaben sich Freundschaften mit Türken und Deutschen. Die Nationalität war egal. Und natürlich war er Fan vom BVB. Der Laden war fast immer offen, von 7 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts. Sie schufteten. Mutter, Vater und Tochter wechselten sich ab, die jüngeren Brüder waren noch zu klein. Heute sind sie 13 und 18.

Niemals, sagt Gamze Kubasik, habe man ein Problem mit Fremdenfeindlichkeit gehabt. Mehmet Kubasik war ohnehin ein glühender Verteidiger seiner neuen Heimat. Einmal reist die Familie zu einer Tante nach Frankreich. Ein Freund der Familie schimpft auf die Deutschen, sie seien unfreundlich und würden die Türken schlecht behandeln. Die Tochter erinnert sich kichernd: "Mein Vater stand wütend auf und erklärte, dass er nichts auf Deutschland kommen lasse, man habe ihn dort aufgenommen, er habe Arbeit und viele deutsche Freunde." Niemand durfte in seiner Anwesenheit schlecht reden über "sein" Land.

In der Schule wird Gamze Kubasik ein einziges Mal aufgrund ihrer Herkunft angegriffen: Muslimische Mädchen mit Kopftuch lästern über die "Alevitin": "Und ihr seid also die, die wie die Deutschen leben", rufen sie ihr nach.
Ihre deutschen Freundinnen verheimlichen viele Dinge vor ihren Vätern, vor allem, auf welche Partys sie gehen und wo sie übernachten. Mehmet Kubasik dagegen wird eine Art Vertrauter für die Jugendlichen. Er fährt die Clique auch zu den nächtlichen Feiern und holt sie wieder ab. Das ist seine Bedingung. Er passt schon auf.

Gedenkveranstaltung für die Opfer der Neonazi-Mordserie
Zwölf Kerzen gegen das Vergessen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: dapd
23.02.2012 11:11Zwölf Kerzen gegen das Vergessen.

Heute aber, wenn Gamze Kubasik nachts mal wieder nicht schlafen kann, schützt sie niemand vor den Bildern aus dem dunklen Tal in ihrer Seele. Sie sieht den Vater in seiner Blutlache oder versucht sich auszumalen, wie er von den Schüssen getroffen zusammensackt. Es ist wie ein Zwang, sie muss sich diese Szenen vorstellen. Denn sie hat den Vater an dem Tag, als er ermordet wurde, nicht mehr zu Gesicht bekommen. Mindestens einmal in der Woche kann sie deshalb nachts nicht schlafen. Es tobt dann ein nicht zu lokalisierender Schmerz in ihr, der sich manchmal in heimlichen unheimlichen Heulkrämpfen entlädt. Dann hockt sie im Badezimmer und lässt das Wasser laufen, damit ihr Mann sie nicht hört.

Die Tage, bevor das Unfassbare geschieht, sind glückliche Tage. Der Vater beschließt gemeinsam mit der Familie, den Laden, auch wenn er gut läuft, aufzugeben. Es ist kein Familienleben mehr möglich, sie sehen sich oft nur, wenn sie sich im Kiosk ablösen. Selbst das für den Vater heilige Ritual, das Abendbrot gemeinsam zu essen, ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Als Gamze Kubasik erfährt, dass es einen Kaufinteressenten gibt und der Vater wieder einer zeitlich geregelten Arbeit nachgehen wird, ruft sie spontan: "Cool, dann machen wir im Sommer Urlaub."

Am 4. April 2006 stoppt der Bus, der sie von der Schule bringt, wie immer ein paar hundert Meter vor dem Kiosk an einer Haltestelle. Sie steigt aus, und sieht, es stimmt etwas nicht. Aber sie kommt gar nicht erst bis zum Tatort, ein Polizist fängt sie vorher ab. Dann fällt ein Vorhang, sie wird ohnmächtig. Es ist der Beginn ihres Albtraums, er beginnt gegen 13.10 Uhr mittags, der von der Polizei angegebenen Tatzeit, und dauert noch heute an.
Keine 24 Stunden später wird die Familie erstmals lange verhört, sechs, sieben Stunden dauert das. Die Tochter wird immer wieder gefragt: "Hat dein Vater Drogen genommen?", "Hat dein Vater mit Drogen gehandelt?". Gamze Kubasik und ihre Brüder müssen Speichelproben abgeben, die die Polizei auf Drogen testet. Drogenhunde durchsuchen den Kiosk, die Wohnung, den Keller. "Ich habe damals immer gedacht, die machen das alles, weil sie uns helfen wollen", sagt Gamze Kubasik und schweigt.

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