Schreckensszenario: Atomwaffen in den Händen von Terroristen

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Nuklearwaffen : Was ist die Bombe wert?

Dennoch erhält ein anderes Schreckenszenario derzeit mehr Aufmerksamkeit: Aus schlecht gesicherten Waffenbeständen sind Terroristen durch Bestechung und Schmuggel in den Besitz von einigen Kilogramm Plutonium gekommen; mit diesem Material bauen sie eine Bombe, die eine ganze Stadt verseucht; Hunderttausende sterben, die innen- und außenpolitischen Folgen übertreffen die des 11. Septembers um ein Vielfaches. Mit dieser Gefahr hat sich der Nukleargipfel in Seoul Anfang der Woche auseinandergesetzt. Weil „der Nuklearterrorismus eine der größten Bedrohungen für die internationale Sicherheit bleibt“, wollen die Teilnehmer jegliches „gefährdete Nuklearmaterial“ innerhalb von vier Jahren sichern, heißt es im Schlusskommuniqué. Es sind Absichtserklärungen, keine verbindlichen Regeln.

Mehr Sicherheit bringt letztlich wohl nur ein weiterer Abbau des nuklearen Arsenals und sonstigen vorhandenen radioaktiven Materials. Die fünf offiziellen Atommächte haben sich im NPT zur Abrüstung verpflichtet, und der müssen sie nachkommen, wollen sie den Vorwurf der doppelten Standards entkräften und ernsthaft von anderen Staaten verlangen, selbst kein militärisches Programm aufzulegen. Doch wie ernst ist es ihnen damit? Angela Kane, Hohe Vertreterin der Vereinten Nationen für Abrüstung, sieht das ziemlich nüchtern. „Bei den Regierungen der Nuklearstaaten herrscht nach wie vor die Empfindung vor, dass sie Atomwaffen brauchen, um sich selbst zu verteidigen“, sagt die Diplomatin. Und in der Bevölkerung, hat sie den Eindruck, wird seit einigen Jahren beispielsweise der Klimawandel als deutlich stärkere Bedrohung empfunden als die Existenz von Atombomben. „Die Menschen engagieren sich nicht mehr so sehr dagegen.“

Für Klaus Naumann ist das kein Zustand. Zwar sei der „Einsatz dieser Waffen“ unwahrscheinlich, doch wenn, wäre dies „eine Katastrophe von globaler Dimension“. Je mehr Atommächte es gibt, umso größer die Gefahr, dass ein Mensch einen Fehler macht, nukleares Material verschwindet, oder einer der Akteure nicht mehr rational handelt. Das könne auch nicht im Interesse der Nicht-NPT-Mitglieder Indien, Pakistan oder Israel sein, und auch nicht von Staaten wie Nordkorea oder Iran. Deshalb unterstützt Naumann, ebenso wie Wolfgang Ischinger, die Initiative „Global Zero“, in der sich auch prominente frühere Nicht-Atomwaffengegner wie die beiden ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger oder George Shultz für eine komplette Abrüstung dieser Waffen starkmachen.

Kritiker wie der Politikprofessor Christian Hacke halten das für „naiv“, da eine „wirkliche Null“ nicht zu erreichen sei, und dies den Menschen ehrlich gesagt werden müsse. In der Tat hat Obama in Prag eingeräumt, eine kernwaffenfreie Welt werde es vielleicht nicht mehr zu seinen Lebzeiten geben. Wolfgang Ischinger stellt klar: Für den Schritt zur Null „braucht es hundertprozentiges Vertrauen“ zwischen den Regierungen, deshalb sei dieser in der Praxis nur „schwer vorstellbar“. Aber von diesem Punkt seien die Atomstaaten ohnehin „noch weit entfernt“.

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