Warum wollen Staaten heute noch die Atombombe?

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Nuklearwaffen : Was ist die Bombe wert?

Also, warum heute noch das Streben nach Atomwaffen? Nordkorea, heißt es oft, hat aus dem Irakkrieg gelernt: Wer wirklich Massenvernichtungswaffen besitzt, wird nicht mehr angegriffen. Könnte dies auch für Iran gelten? Doch es ist nicht nur das Sicherheitsbedürfnis allein, das einen Staat zur Atommacht werden lässt. Der Amerikaner Scott D. Sagan hat in den 90er Jahren versucht, diesen Schritt besser zu verstehen. Bedrohung, glaubt er, spielt eine Rolle. Aber ebenso könne dies ein erhoffter Statusgewinn auf der internationalen Bühne oder ein innenpolitischer Grund sein. Frankreich beispielsweise war im Kalten Krieg aufgrund seiner geografischen Lage weit weniger durch die UdSSR „gefährdet“ als etwa Deutschland oder Italien, und der Nuklearschild der Amerikaner hätte wohl auch Paris geschützt. Der Physiker Giorgio Franceschini von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung ist deshalb überzeugt: „De Gaulle wollte die Bombe, um Frankreichs Großmachtanspruch aufrechtzuerhalten und das internationale Prestige zu untermauern“. Bis heute debattieren die Franzosen nicht über die Zukunft ihres Atomarsenals, das rund 300 Sprengköpfe, mehrere Atom-U-Boote und Kampfflugzeuge umfasst. Als der sozialistische Präsidentschaftskandidat Francois Hollande im Januar dem Atom-U-Boot „Le Triomphant“ einen Wahlkampfbesuch abstattete, erklärte auch er seine unverbrüchliche Unterstützung der französischen „Force de Frappe“.

Der Fall Indien erklärt sich für Sagan ebenfalls nur bedingt durch das Bedrohungsszenario. Zwar wurde Nachbar China mit dem Test von 1964 offiziell zur Atommacht, doch wartete Indien mit dem ersten – und lange Zeit einzigen – eigenen Test weitere zehn Jahre. Hätte Delhi aus Sicherheitsgründen rasch reagieren wollen, hätte ein entsprechendes Waffenprogramm die Bombe noch in den 60er Jahren ermöglicht, ist sich Sagan sicher. Stattdessen stritten die Atom-Befürworter heftig mit den Bombengegnern, die Delhi lieber als Mitglied im in den 60ern ausgehandelten Nuklearwaffensperrvertrag (NPT) sehen wollten. Erst 1974 befahl Premierministerin Indira Gandhi vor einer unsicheren Wiederwahl quasi im Alleingang und ohne größere Konsultationen selbst des Militärs den Test, und Indien wurde zur Atommacht. Gandhi gewann die Wahl, und eine Umfrage des „Indian Institute of Public Opinion“ ergab, dass 90 Prozent der Befragten „stolz“ waren auf den Nukleartest.

Andere Staaten dagegen haben aus innenpolitischen Gründen möglicherweise ihr Atomwaffenprogramm wieder eingestellt. 1989 war in Südafrika das Ende des Apartheidregimes und die Machtübernahme durch den ANC absehbar – dessen Vertreter sollten die Waffen nicht in ihre Hände bekommen. Großbritannien wiederum ist meilenweit davon entfernt, seinen Nuklearmachtstatus aufzugeben. Doch in Zeiten extrem knapper Kassen und beständiger Ausgabenkürzungen werden zumindest die Ausgaben für das Nuklearprogramm stärker hinterfragt. Denn Atomwaffenprogramme sind teuer. Die Briten wird die Erneuerung ihrer atomaren Trident-U-Boot-Flotte nach offiziellen Schätzungen über die Jahre 25 Milliarden Pfund kosten. Paul Ingram vom Thinktank „Basicint“ in London vermutet, dass die realen Kosten noch bis zu zehn Milliarden höher klettern dürften – und das für ein Waffenprogramm, das keiner aktuellen Bedrohungslage für das Vereinigte Königreich entspricht. Die Regierung Cameron hat die endgültige Entscheidung über „Trident“ nun auf die Zeit nach der nächsten Unterhauswahl verschoben.

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