Den Preis für die Entwicklung zahlen die Patienten

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Ökonomisierung des Gesundheitswesens : So funktioniert Medizin nun einmal nicht
Giovanni Maio
Das Dilemma: Manchmal hilft dem Patienten auch, wenn gar nichts getan wird, aber wie soll ein Arzt so eine Empfehlung abrechnen?
Das Dilemma: Manchmal hilft dem Patienten auch, wenn gar nichts getan wird, aber wie soll ein Arzt so eine Empfehlung abrechnen?Foto: laif

Entstanden ist eine Glorifizierung des Laborparadigmas, nur das Messbare hat echten Gehalt. Preisgegeben wird dafür die Erkundbarkeit des Patienten mit den eigenen Sinnen. Auch diese Hinwendung zum Laborparameter verursacht Überversorgung und Überdiagnostik. Dahinter steht ein einseitiges Verständnis von Wissen. Wissen ist eben nicht die quantifizierte Aneinanderreihung möglichst vieler Fakten. Wissen ist die Fähigkeit, aus der Vielzahl theoretisch zu gewinnender Fakten diejenigen auszuwählen, die für das weitere Vorgehen relevant sind.

Ein wesentlicher Grund für die Tendenz zum Aktivismus ist die verknappte Zeit. Die Medizin wurde politisch gewollt auf eine andere Laufgeschwindigkeit umgestellt, die unweigerlich mit einer systemimmanenten Distanz zum Patienten einhergeht.

Das erste Gespräch mit dem Patienten ist das wichtigste - und kommt doch viel zu kurz

Vermeintliche Effizienzgründe lassen den direkten Kontakt zum kranken Menschen überall zu kurz kommen, das beginnt schon bei der Aufnahme und Erstuntersuchung. Die Versäumnisse in diesen ersten Minuten der Begegnung sind gravierend. Je mehr Sorgfalt in die Anamnese investiert wird, desto gerichteter wird man die weiteren diagnostischen Schritte tun können: Anstatt einer Rasterfahndung erfolgt eine gezielte und fokussierte Diagnostik.

Wer gleich am Anfang Zeit sparen will, wird diese im weiteren Verlauf auf vielfache Weise verschwenden. Der Beschleunigungsimperativ verformt die Medizin und lässt medizinisch Selbstverständliches, nämlich die Sorgfalt, unter den Tisch fallen, weil diese eine auf Effizienz getrimmte Medizin plötzlich aufhält. Das System muss aber Ärzten so viel Zeit geben, dass sie von Anfang an vor allem sorgfältig sein können und einsehen, dass zur ärztlichen Logik nicht primär Effizienz, Output und Beschleunigung gehören, sondern Sorgfalt, Weitblick, Geduld und nicht zuletzt ein ganzheitliches Denken und der Wille, zunächst den ganzen Menschen zu sehen, bevor man eine Diagnostik ansetzt.

Die technische Aufrüstung geht einher mit Abrüstung im Persönlichen

Ärztlich denken heißt, in großen Zusammenhängen zu denken. Doch wie sollen Ärzte in großen Zusammenhängen denken, wenn dafür weder Raum noch Zeit noch Abrechnungsziffern existieren?

Es ist unübersehbar: Der ökonomisch getriggerte Trend zur Überversorgung geht an anderer Stelle einher mit einer Unterversorgung. Einerseits werden Patienten mit Interventionen, diagnostischen Maßnahmen und Rezepten überversorgt. Andererseits erfahren sie eine Unterversorgung im psychosozialen Bereich. Die instrumentell-technische Aufrüstung der „Medizinbetriebe“ geht einher mit einer Abrüstung des Zwischenmenschlichen. Den Preis der Effizienz zahlen die Patienten, wenn sie sich unverstanden und nicht persönlich betreut fühlen. Aber es sind zugleich auch die Ärzte, die für diese Effizienzsteigerung bezahlen müssen: Mit einer zunehmenden Entfremdung von ihrem täglichen Tun – und mit dem Gefühl, jeden Tag etwas zu tun, wofür sie eigentlich nicht angetreten sind.

Die Neigung zum Aktionismus in der Medizin ist eine Schwester der Sprachlosigkeit. Diese Sprachlosigkeit wird durch das System in unverantwortlicher Weise in Kauf genommen, weil zu sehr das sichtbare Machen betont und das unsichtbare Verstehen und Reflektieren wegrationalisiert wird.

Alle Bestrebungen, eine Polarität zwischen Technik und Gespräch aufzumachen, sind allerdings falsch. Es geht bei beiden um das rechte Maß und um ein komplementäres Verhältnis. Gleichwohl wird im modernen Betrieb die Bedeutsamkeit des Gesprächs systematisch unterbewertet – zu Unrecht.

Auf Kompetenzen kann man sich verlassen, vertrauen kann man nur einem Menschen

Man unterschätzt Patienten, wenn man glaubt, sie wollten alles haben, sogar dann, wenn es sinnlos ist. Doch es ist eben eine Frage der Zeit und der Beziehung, ob man beispielsweise von einer Diagnostik abraten kann. Das Gespräch vermittelt nicht nur Informationen, sondern schafft auch erst eine vertrauensvolle Beziehung. Gespräche können Angst nehmen, beruhigen, Interesse am Kranken vermitteln und ärztliches Engagement zeigen. Ohne Gespräch wird Vertrauen schlichtweg nicht entstehen können. Vertrauen bezieht sich ja nicht nur auf Sachkompetenz allein, denn ein Mensch kann sich auf eine bestimmte Kompetenz zwar verlassen, vertrauen aber kann er nur einer Person.

- Giovanni Maio ist Professor für Bioethik und Medizinethik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, war Mitglied in der Zentralen Ethikkommission für Stammzellenforschung der Bundesregierung und ist Mitglied im Ausschuss für ethisch-juristische Grundsatzfragen der Bundesärztekammer.

- Eine längere Version des Textes ist in der Ausgabe 13/2015 der Deutschen Medizinischen Wochenschrift erschienen.

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