Jeder kranke Mensch ist ein Einzelfall - und muss so behandelt werden

Seite 2 von 4
Ökonomisierung des Gesundheitswesens : So funktioniert Medizin nun einmal nicht
Giovanni Maio
Das Dilemma: Manchmal hilft dem Patienten auch, wenn gar nichts getan wird, aber wie soll ein Arzt so eine Empfehlung abrechnen?
Das Dilemma: Manchmal hilft dem Patienten auch, wenn gar nichts getan wird, aber wie soll ein Arzt so eine Empfehlung abrechnen?Foto: laif

Dass genau diesem Wert keinerlei Bedeutung mehr beigemessen wird, liegt an der grundlegend falschen Konzeption einer Medizin als Produktionsbetrieb. Von diesem falschen Denken ausgehend, wird den Ärzten suggeriert, dass ihre Entscheidungen im Prinzip stets eindeutig ableitbar und klassifizierbar seien. Aber so funktioniert Medizin nun mal nicht. Denn die Situationen in der Medizin sind nur selten so eindeutig, wie die Theorie es nahelegt: Meistens handelt es sich um Situationen, in denen man mit Wahrscheinlichkeiten umzugehen hat – und nicht mit absoluten Sicherheiten.

Manchmal ist das Abwarten besser, aber das sie das System nicht vor

Weil die reellen Situationen immer einen Rest an Unbestimmtheit übrig lassen, braucht der Arzt einen Ermessensspielraum, um situationsgerecht zu entscheiden: Er braucht Entscheidungsfreiheit für eine Abwägung, die primär auf den Patienten ausgerichtet ist, nicht auf Leitlinien oder Dokumentationspflichten. Dieser Ermessensspielraum wird den Ärzten genommen, weil das Gesundheitssystem nicht versteht, was ärztliche Betreuung wirklich ist.

Um Aktionismus einzudämmen, muss man sich eines klarmachen: Medizinische Behandlung bedeutet nicht per se Aktion – sondern situationsgerecht und patientengerecht zu entscheiden. Dazu benötigt man natürlich formalisiertes Sachwissen, also das, was man im Studium lernt und was in Leitlinien kondensiert wird. Aber: Die Situation, auf die der Arzt stößt, ist immer eine unverwechselbare Situation, die so konkret noch nicht im Lehrbuch beschrieben wurde. Und auch in den Leitlinien ist diese spezifische Situation nicht zu finden. Jede praktische Situation ist einmalig und unverwechselbar.

Der Arzt stößt also unweigerlich auf eine Situation, die im Vergleich zu seinem Sachwissen überkomplex ist. Daher muss der Arzt nicht nur Sachwissen haben, sondern er muss auch wissen, wie mit dieser Situation umzugehen ist. Aus dem formalen Sachwissen allein lässt sich eben nicht ableiten, was konkret zu tun ist.

Die Ärzte werden ins Schema F gedrängt, eine fatale Entwicklung

Je formalisierter die Vorgaben, desto mehr wird die Fähigkeit des Arztes zur einzelfallbasierten Entscheidung negiert. Die Kontrolle, die über die Ärzte verhängt wird, ist demotivierend, weil sie implizit suggeriert, der Arzt wüsste nicht, wie zu entscheiden ist und er daher unterfüttert werden müsse mit formalen Modellen, die aber als Modelle schon vom Grundsatz her zu abstrakt sind, um dem einzelnen Patienten gerecht zu werden. Die Entscheidung kann etwa ein Eingriff oder eine weitere Diagnostik sein. Sie kann aber auch in der Einsicht bestehen, dass ein Abwarten vernünftiger ist, weil alle weitere Diagnostik nur überflüssige Risiken und falsch positive Ergebnisse zeitigen würde.

Das Hinweggehen über die Besonderheit des Einzelfalls ist ein Zug einer ökonomisierten Medizinwelt, aber es ist für Ärzte wichtig, sich der Besonderheit zuzuwenden – allen falschen Kontrollsystemen zum Trotz.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

5 Kommentare

Neuester Kommentar