Politik : Ohne Entschuldigung

Vor 200 Jahren verboten die Briten den Sklavenhandel und fürchten noch heute Ansprüche der Opfer

Markus Hesselmann[London]

Seit dieser Woche läuft in Großbritannien ein wunderbar kitschiger Film. „Amazing Grace“ feiert die britischen Kämpfer für das Verbot der Sklaverei vor 200 Jahren – und entzweit die aktuelle britische Regierung. Vizepremier John Prescott gefiel die Botschaft des Films nicht unbedingt. „Wir haben die Vorstellung, dass 1807 ein Christ aus Hull daherkam und einfach die Gesetze änderte“, sagte Prescott im Interview mit der Zeitung „Guardian“ über William Wilberforce, den Anti-Sklaverei-Aktivisten, Tory-Abgeordneten und Helden des Films. Tatsächlich jedoch hätten die öffentliche Meinung, die einfachen Arbeiter, das Parlament schließlich zum Sklavereiverbot gezwungen.

Prescotts Chef und Labour-Parteifreund Tony Blair widersprach dieser „marxistischen Analyse“. Die erfolgreiche Kampagne gegen die Sklaverei habe „sehr viel mit Individuen zu tun, die eine sehr deutliche Meinung hatten“, sagte der Premierminister. In einem sind sich Blair und Prescott einig: Jenseits individueller Bekundungen einzelner Politiker plant Großbritannien nicht, sich offiziell für die Gräuel zu entschuldigen. Prescott schlug einen alljährlichen europaweiten Gedenktag vor, um der Opfer der Sklaverei zu gedenken.

Am heutigen Sonntag begehen die Briten den 200. Jahrestag der Abstimmung über das Verbot der Sklaverei im Parlament. Insgesamt elf Millionen Menschen wurden in die Sklaverei verschleppt, rund 1,5 Millionen von ihnen überlebten die Überfahrt nicht. Britische Kaufleute waren in den transatlantischen Menschenhandel zwischen Afrika und Amerika tief verstrickt. Großbritannien profitierte in hohem Maße von den grausamen Transporten.

Prescott lehnt eine offizielle Entschuldigung ab, „weil das in Afrika gar kein Thema ist“. Hauptgrund für die Weigerung dürfte aber die Angst sein, dass Nachkommen von Sklaven finanzielle Wiedergutmachung geltend machen und sich dabei auf ein offizielles Schuldeingeständnis berufen könnten.

Menschenrechtler fordern, nicht nur an die Historie zu erinnern, sondern moderne Formen der Sklaverei stärker zu bekämpfen. Die britische Organisation Anti-Slavery International geht von weltweit mindestens zwölf Millionen Menschen aus, die Zwangsarbeit leisten müssen. Als Beispiele nennen die Menschenrechtler osteuropäische Frauen, die in westeuropäischen Ländern als Prostituierte arbeiten müssen, den Kinderhandel zwischen westafrikanischen Ländern oder Landarbeiter, die auf brasilianischen Großfarmen wie Leibeigene behandelt werden. Passend zum Jubiläum hat die britische Regierung einen „Aktionsplan gegen Menschenhandel“ aufgelegt und eine Europäische Konvention gegen Menschenhandel unterzeichnet.

Der amerikanische Historiker Adam Hochschild sagte der Nachrichtenagentur „Reuters“, es sei sicher gut, sich zu entschuldigen. Die beste Art der Kompensation aber sei ein fairer Welthandel. „Nordamerika und Europa sollten ihre Zölle und Subventionen abschaffen, damit afrikanische Bauern im Wettbewerb nicht mehr benachteiligt werden“, sagte Hochschild, der sich in mehreren Büchern mit der afrikanischen Geschichte und der Sklaverei beschäftigt hat. Ein fairer Handel mit dem Norden helfe den Afrikanern heute mehr als jede Art von Reparationszahlungen.

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