Pädagogen warnen vor Einflussnahme an Schulen : Spahn will Organspende auch im Lehrplan

Sollte das Thema Organspenden bereits im Schulunterreicht behandelt werden? Gesundheitsminister Spahn ist dafür, doch Lehrerverbände sind skeptisch.

Oft lebensrettend: Spenderorgane beim Transport in einen OP-Saal.
Oft lebensrettend: Spenderorgane beim Transport in einen OP-Saal.Foto: Soeren Stache/dpa

Gesundheitsminister Jens Spahn fände es hilfreich, wenn das Thema Organspende künftig auch im Schulunterricht behandelt würde. „Die differenzierte Ansprache verschiedener Zielgruppen in der Bevölkerung hilft, Organspende zu einer Selbstverständlichkeit zu machen“, sagte der CDU-Politiker der „Rheinischen Post“. Neben Schülern sollten auch Migranten und Senioren gezielt angesprochen werden. Lehrerverbände reagierten dagegen mit Skepsis.

Er sei kein Freund davon, „bei jedem diskutierten gesellschaftlichen Problem gleich einen neuen Lehrplan-Inhalt zu fordern“, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger. Letztlich müssten die Schüler ihre Entscheidung zur Organspende autonom treffen. Es sei zu beachten, dass sich junge Menschen erst ab einem bestimmten Alter mit diesem medizinisch und ethisch sehr komplexen Thema auseinandersetzen könnten, betonte auch der Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Ilka Hoffmann. Gleichzeitig warnte die Funktionärin davor, die Schule zu einem Ort der Werbung für Organspende zu machen.

"Berührungsängste frühzeitig abbauen"

Tatsächlich stammt die Idee von einer Expertengruppe unter Federführung der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Da sich bereits 14-Jährige gegen eine Organspende und 16-Jährige dafür entscheiden könnten, sei es „sinnvoll, bereits in der Schule mit der Aufklärungsarbeit zu beginnen“, lautet ihr Argument. So könnten Berührungsängste mit dem „mitunter tabuisierten Thema“ frühzeitig verhindert oder abgebaut werden.

An diesem Mittwoch debattiert der Bundestag über zwei Gesetzentwürfe zur Neuregelung der Organspende. Spahn und SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach wollen eine Widerspruchslösung, bei der jeder, wenn er dem nicht zu Lebzeiten widersprochen hat, automatisch Organspender würde. Der Gegenantrag, vertreten durch eine interfraktionelle Gruppe um Annalena Baerbock (Grüne) und Katja Kipping (Linke), setzt zwar auf eine stärkere Konfrontation der Bürger mit dem Thema, will Organentnahmen aber weiterhin nur bei ausdrücklichem Einverständnis erlaubt haben.

Lauterbach prophezeit Kopf-An-Kopf-Rennen im Bundestag

Nach Einschätzung von Lauterbach ist bislang offen, welcher Gesetzentwurf eine Mehrheit erhält. Ihm zufolge steht mit rund 200 Abgeordneten etwa ein Drittel der Parlamentarier hinter dem Antrag auf eine Widerspruchslösung. Ähnlich viele unterstützten den Antrag von Baerbock und Kipping. Bei der Debatte und späteren Abstimmung sind die Abgeordneten, wie bei ethischen Themen üblich, nicht an die Fraktionsdisziplin gebunden. Nach Lauterbachs Worten findet sich allerdings kein einziges Mitglied der Grünen-Fraktion unter den Befürwortern der Widerspruchslösung.

Ohne Widerspruchsregelung werde sich am derzeitigen Mangel von Spenderorganen nichts ändern, prophezeite der SPD-Gesundheitsexperte. "Wir werden dann nur eine weitere Ehrenrunde drehen.“ Länder mit hohen Spenderzahlen hätten ausnahmslos die Widerspruchslösung. Gegner einer solchen Neuregelung verweisen indessen auf eine britische Studie, wonach eine Widerspruchslösung die Organspende-Quote nachweislich nicht erhöhe. In Spanien, das im internationalen Vergleich auf die meisten Organspenden komme, gebe es zwar eine Widerspruchsregelung, sie werde aber nicht angewandt. Ursächlich für die hohen Quoten dort seien einzig und allein bessere Strukturen.

In Deutschland warten nach Angaben der DSO derzeit rund 9400 Menschen auf ein Spenderorgan. Die Zahl der Spender ist von knapp 1.300 im Jahr 2010 auf nicht einmal 800 im Jahr 2017 gesunken. Im vergangenen Jahr gab es erstmals wieder eine leichte Erhöhung, die Spenderzahl stieg auf 955.

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