Pakistan : Der Kricketmillionär und der arme Atomstaat

Die Pakistaner haben die Familienclans abgewählt und hoffen auf Ex-Kricketstar Imran Khan. Der ist so widersprüchlich wie das ganze Land. Eine Analyse.

Imran Khan hat den Wählern viel versprochen - und gewonnen.
Imran Khan hat den Wählern viel versprochen - und gewonnen.Foto: AFP

Das wird sein härtestes Match. Denn nun muss Pakistans Sportsheld Imran Khan als neuer Premierminister die Hoffnungen erfüllen, die er bei so vielen Menschen geschürt hat. Die Wortspiele mit seinem Namen wie „Yes, he Khan“ in Anspielung auf Barack Obamas Wahlspruch mögen abgedroschen daherkommen, aber sie lassen doch ahnen, wie sehr sich viele Pakistaner einen grundlegenden Wandel für ihr zerrissenes Land mit seinen gut 200 Millionen Einwohnern wünschen.

Zu lange haben sich die beiden Familienclans der Sharifs (von der bisherigen Regierungspartei PML-N) und die Bhuttos von der PPP an der Macht abgewechselt – wenn nicht gerade ein Militärputsch dazwischenkam. Und an der Macht wurden diese Clans reich und reicher. Sunnyboy Imran Khan hat sich geschickt als Gegenpol inszeniert, der Saubermann, der hart gegen die allgegenwärtige Korruption vorgehen wird, die das Land auffresse wie ein Krebsgeschwür. Viele glauben ihm das oder wollen es wenigstens. Er sei so reich, dass er selbst sich nicht kaufen lasse, sagen viele. Und: Die anderen hatten ihre Chance, aber sie haben unser Land furchtbar scheitern lassen.

So oder so: Bis heute regiert niemand in dem Atomstaat ohne das Wohlwollen des Militärs. Erst zum zweiten Mal löst eine zivile Regierung zivile Vorgänger nach einer Wahlperiode ab. Imran Khan ist auch kein Demokrat, wie man ihn sich in Westeuropa so gern vorstellt. Ihm wird besondere Nähe zu den mächtigen Generälen nachgesagt, die auch kräftig zu seinen Gunsten Einfluss genommen haben sollen. Mit den radikalislamischen Taliban verbindet den Held vom Kricketfeld (mit seiner Mannschaft, wurde Pakistan 1992 zum einzigen Mal Weltmeister – gegen die frühere britischen Kolonialmacht) derart viel, dass Khan den Beinamen „Taliban-Khan“ bekam.

Ob ihm das jetzt hilft, wenn er mit Blick auf Afghanistan schon mal die Vision offener Grenzen à la EU entwirft? Richtung USA (er setzt auf gute Beziehungen, die beiden Ländern nützen) und Indien (er schlägt Gespräche über den verfahrenen Kaschmirkonflikt vor) hat er in seiner sonor vorgetragenen Siegesrede sehr viel versöhnlichere Töne angeschlagen als bisher. Wächst da ein Staatsmann heran? Ruhige inhaltliche Debatten könnten dem oft allzu aufgeregt geführten Diskurs in Pakistan gut tun. Zunächst wird Khan aber eine Koalition bilden müssen. Trotz enormer Sitzgewinne – die absolute Mehrheit hat seine Partei PTI nicht geholt. Und vor dem Wahltag hatte er die Parteien der beiden großen Familien als Partner ausgeschlossen.

Viele hoffen auf den islamischen Wohlfahrtsstaat, den Khan verspricht

Zudem bleiben Zweifel am Ergebnis der Parlamentswahl. Ohnehin gibt es noch immer feudal herrschende Großgrundbesitzer im Landesinnern, die ihre komplette Mitarbeiterriege auf die Wahl der Partei verpflichten, die sie bestimmen. Wie ernst Khans Ankündigung zu nehmen ist, seine Partei werde helfen, Vorwürfe über Manipulationen und nicht zugelassene Wahlbeobachter zu prüfen, und wie groß das Interesse der neuen Opposition daran am Ende wirklich ist, wird sich zeigen. Die zähe Auszählung der Stimmen, die die Wahlkommission mit Softwareproblemen begründete, lädt zu Kritik geradezu ein.

Das macht die Lage nicht eben einfacher. Pakistan hat in den vergangenen Monaten wieder religiös motivierte blutige Anschläge erlebt, auch wirtschaftlich geht es dem Land nicht gut. Jeder Dritte lebt unter der Armutsgrenze. Viele hoffen auf den islamischen Wohlfahrtsstaat, den Khan verspricht. Auch Mittelstandsfamilien mit eigenem Haus leben oft so einfach, wie sich das im Ausland kaum jemand vorstellen kann. Da sitzen Familien im Winter bei fünf Grad Außentemperatur in Häusern ohne Heizung mit Pudelmütze beim Abendbrot, und weil das Gas wieder knapp ist, müssen sie zum Kochen eine Propangasflasche heranschaffen.

Und auch, wer einen Heizlüfter ersteht, sitzt im Kalten, wenn, wie oft, der Strom ausfällt. Da macht es sich gut, wenn der Wahlsieger sagt, er könne sich nicht vorstellen, in einem von Armut gezeichneten Land im Palast des Premierministers zu leben. Den wolle er in eine soziale Institution überführen. Dass er sich engagiert, hat er schon bewiesen. Er hat schon ein Krankenhaus für Krebspatienten gebaut.

Allerdings lebt der Mann, der früher als Playboy durch Londoner Nachtclubs zog, selbst in einem nicht ganz bescheidenen Anwesen. Doch vielleicht passt der schillernde und widersprüchliche Ex-Kricketstar ganz gut zu dem widersprüchlichen Land, in dem Muslime zwar per Gesetz keinen Alkohol trinken dürfen, aber selbst führende Mullahs gern mal einen heben.

Sollte Khan es schaffen, seine Ankündigungen inklusive dringend nötiger Steuerreform umzusetzen: Das Land hätte einen neuen Helden. Allerdings sind Herausforderungen wie Hoffnungen sehr groß. Für Pakistan mit seinen vielen zukunftshungrigen jungen Bürgern und für die schwierige Region wäre zu hoffen, dass Imran Khan mehr von seinen Reformversprechen einlösen kann als Barack Obama.

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