Parteinahe Stiftungen : Erasmus von Rotterdam und die AfD

Die AfD wählt ausgerechnet den Renaissancephilosophen als Paten für ihre Parteistiftung. Die Vereinnahmung großer Denker hat bei den Rechtspopulisten System.

Die AfD diskutiert. Demnächst soll es politische Debatten auch unter dem Dach einer eigenen Parteistiftung geben.
Die AfD diskutiert. Demnächst soll es politische Debatten auch unter dem Dach einer eigenen Parteistiftung geben.AFP/Odd Andersen

Nun also doch: Die AfD will eine Stiftung wie die anderen Parteien auch. Dass AfD-Mitgründer Konrad Adam solche Stiftungen noch im Januar als „Misswuchs der bundesrepublikanischen Demokratie“ kritisiert hat - sei's drum. „Wenn die anderen Geld bekommen, warum dann nicht auch wir?“, sagte Rainer Gross der Berliner Morgenpost. Gross ist Vorsitzender der im Dezember 2016 gegründeten „Desiderius-Erasmus-Stiftung“, die gerade den Vorentscheid zur offiziellen Parteistiftung gewann. Desiderius Erasmus? Der Erasmus von Rotterdam, der kosmopolitische Philosoph, Philologe, Theologe, der Namensgeber des weltweit größten Austauschsprogramms für Studenten? Genau, der. Von der Konrad-Adenauer- bis zur Rosa-Luxemburg-Stiftung, von der CDU bis zur Linken: Ideologische Zugehörigkeiten der Namensgeber sind bei den anderen Partei-Stiftungen leicht nachvollziehbar. Aber Erasmus von Rotterdam und die AfD?

Parteistiftungen als "Misswuchs der Demokratie"? - Sei's drum

Der niederländische Gelehrte, geboren um 1467, war eine prägende Figur des Renaissance-Humanismus, der die Verbindung von Wissen und Tugend anstrebte. Diesen Auftrag verfolgte Erasmus mit großem Eifer: Bis zu seinem Tod 1536 veröffentlichte er an die 150 Bücher. Erasmus lehrte in ganz Europa: Von den Niederlanden verschlug es ihn nach Paris, Cambridge, Venedig und über weitere Stationen nach Freiburg und Basel. Als Namensgeber für das Erasmus-Programm der EU lag er also nahe. Verwechslungsgefahr wegen der Namensähnlichkeit sieht die AfD nicht: Man habe ja bei der eigenen Stiftung noch den Vornamen des Gelehrten hinzugefügt. Und außerdem gebe es kein Namensrecht auf Erasmus von Rotterdam.

Die Namensähnlichkeit mit dem Erasmusprogramm der EU sei kein Problem

Übereinstimmungen zwischen Erasmus' Lehren und denen der AfD springen aber auch nicht ins Auge. Durch die Stiftung will die Partei ein „freundlicheres Aussehen“ gewinnen, wie es Adam formuliert - mit dem humanistischen Paten als Teil dieser Strategie. Eine andere AfD-nahe Organisation hatte im Frühjahr Immanuel Kant als Paten für die Stiftung vorgeschlagen. Die Vereinnahmung großer Denker hat bei der AfD offenbar System.

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Vielleicht ist mancher AfD-Abgeordnete nun auch motiviert, Erasmus' Schriften zu studieren. In seinem Benimmbuch „De civilitate“ von 1529 heißt es: „Vor allem sollten alle zurückhaltend sein, besonders aber Menschen, die zu führenden Aufgaben berufen sind.“ Für die Auftritte im Bundestag ist dieser Hinweis sicher nicht zu unterschätzen.

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