Die Revolution frisst hier ihre Köpfe

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Parteitag der Piraten : Ein Hashtag wie dieser

Was man von ihr weiß: Sie ist vor fast zwei Jahren als politische Geschäftsführerin zurückgetreten. Sie ist seit fast zwei Jahren erschöpft. Sie hat in dieser Zeit ein Buch geschrieben. Über Demokratie. Gerade reist sie viel durch Deutschland, hält Vorträge, ist Gast in Talkshows und arbeitet an ihrem eigenen Projekt. Schulen demokratisieren, sagt sie: „Ich züchte die nächste Generation Piratenwähler.“

Jetzt sitzt sie da, als ginge sie das alles nichts an, und ist natürlich doch wieder mittendrin. Instinktpolitikerin Marina Weisband. Schaut Thorsten Wirth nach und sagt, natürlicher Sarkasmus: „Wir machen jetzt einfach Politik 1.0. Wir wählen einfach gar keinen Vorstand. Und lassen einen Zufallsgenerator entscheiden.“

Johannes Ponader kommt an den Tisch. Auch eines der Gesichter der Partei, nur hat sein Name einen anderen Klang, einen Beigeschmack. Ex-Geschäftsführer, Hartz-IV-Debatte, Querulant, Talkshow-Rumpelstilz.

Zehn Meter entfernt, im Saal der Stadthalle 7, versucht seine Partei gerade einen neuen Vorsitzenden zu wählen. Zehn Meter entfernt, im Saal der Stadthalle 7, sagt Thorsten Wirth, auf dem Podium, am Mikrofon: „Wir haben eine Kultur entwickelt, die alles weghatet.“ Halt die Fresse, brüllt einer. Lieber ohne dich, ein anderer. Sie brauchen ihn, sie wollen ihn aber nicht. Sie wollen ihn, aber haben das Gefühl, dass sie ihn eigentlich nicht brauchen. Die Piraten pfeifen, aber sie können sich nicht entscheiden. Klaus Peukert ist längst verschwunden.

Marina Weisband hört die Pfiffe, kennt die Stimmungsschwankungen, die Unberechenbarkeit ihrer Partei. „Wir sind eine liberale Partei im Sinne der 70er“, sagt sie nun, „und deshalb versammeln sich hier viele machtkritische Menschen. Im Grunde ist das etwas sehr Positives.“ Noch mehr Pfiffe. Ponader setzt sich, hört zu. „Es wird aber dann grenzwertig, wenn wir anfangen, dieses Misstrauen gegenüber der Macht, auch gegen unsere eigenen Kandidaten zu wenden. Wir befragen sie nicht, wir grillen sie geradewegs. Das lähmt und hindert die Entscheidungsfindung.“

Die grundkritische Haltung gegenüber traditionellen Machtstrukturen, die nach außen für eine Partei wie die Piraten durchaus sinnvoll ist, weil das zu ihnen gehört, diese grelle Opposition, ist, nach innen gerichtet, eine zersetzende Kraft. Die Partei, so wie sie Marina Weisband beschreibt, kannibalisiert sich selbst. Die Revolution frisst hier keineswegs ihre Kinder, sondern ihre Köpfe, bis niemand mehr da ist, der sie noch führen könnte.

Die Piraten, Themenpartei, das betonen sie ja immer wieder, wollen genau das auch gar nicht: geführt werden. Wollen keine starken Figuren an der Spitze. Die große Ratlosigkeit, die Schizophrenie dieser Partei ist deshalb besonders daran zu erkennen, wie gegenwärtig Marina Weisband trotz dieser Prominenzphobie noch immer ist. Sie holt ihr iPhone aus der Tasche, zeigt das Display in die Runde: „Das habe ich gerade auf Twitter bekommen.“ Eine Bildschlagzeile. Eilmeldung: „Abrechnung mit Führungsmannschaft. Mitglieder haben große Sehnsucht nach Marina Weisband.“

Drinnen pfeifen sie. Draußen lacht Marina. Auch über das Flüstern der Flure, in der sich diese Sehnsucht spiegelt. „Es kursierten bereits Gerüchte“, erzählt Marina Weisband, „wie man Marina Weisband doch noch wählen kann. Entweder, man kreuzt auf allen Stimmzetteln Nein an oder faltet sie nach Origami.“

Einer am Tisch sagt: Marina, du könntest doch als Schatzmeisterin kandidieren.

Weisband: Das könnte ich

Einer am Tisch: Deine Qualifikation für dieses Amt?

Weisband: Ich war mal bei einem Online-Rollenspiel Schatzmeister. Und hatte am Ende eine positive Jahresbilanz von 20 Gulden.

Einer am Tisch: Klingt gut.

Weisband: Bis meine Stadt von Drachen zerstört wurde.

Einer am Tisch: Von Piraten?

Weisband: Nein von Drachen.

Einer am Tisch: Achso. Ich dachte schon.

Er wirkt erleichtert. Die Piraten, sie trauen sich derzeit alles zu.

Im Saal der Stadthalle 7 wird Thorsten Wirth zum neuen Vorsitzenden gewählt. 78,1 Prozent der Stimmen. Er nimmt das Amt an. Victoryzeichen. Die Siegergeste hat er für sich allein.

Wolfgang Dudda @Oreo_Pirat

Sehr viel leistungsunabhängiges

Selbstwertgefühl auf der

Vorstellungsbühne heute. #bpt132

Kollektiv Raufaser @insideX

DANKE IHR VERRÜCKTEN
tux0r @tux0r

Herr @insideX, ziehen Sie endlich

die Konsequenzen und treten Sie zurück! #bpt132

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