Phrasen in der Politik : Warum alle Klartext fordern, aber keiner Klartext redet

„Seid mutiger und sprecht klarer!“ Oliver Georgi verfasst ein Plädoyer gegen Phrasen, dem ausnahmsweise das Prädikat „alternativlos“ gebührt. Eine Rezension.

Manchmal entschieden, selten entschlossen. Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Manchmal entschieden, selten entschlossen. Bundeskanzlerin Angela Merkel.Foto: Odd Andersen/AFP

Sie ist die „Meisterin der ,lingua blablativa‘“, eine „Politikermaschine ohne Fehlertoleranz“, ihre Sprache ist „schablonenhaft“ und „technokratisch“, sie hat „viele Hülsen in ihrem Wortschatz“, die das Vertrauen „in die Wahrhaftigkeit der politischen Klasse nachhaltig beschädigt haben“. Gemeint ist die Kanzlerin, Angela Merkel. An ihr arbeitet der Autor sich ab, nicht nur zwar, aber bevorzugt.

Es geht dem FAZ-Redakteur Oliver Georgi um Phrasendrescherei, um inhaltsleeres Reden, um eine Debattenkultur, „die sich im Bemühen, niemanden zu verletzen und keine unbequemen Themen anzuschneiden, in den letzten Jahren immer mehr selbst die Luft abgeschnürt hat“. Das Ergebnis sei der Erfolg der Rechtspopulisten, die weder Scheu noch Mäßigung kennen und sich als „Klartext“-Partei inszenieren, als Anwälte einer schweigenden Mehrheit. Aus dem Kontrast zur bedeutungsoffenen Schwammigkeit erwächst ihnen Zustimmung. Ihre Rhetorik mag drastisch sein, wirkt aber authentisch.

Phrase für Phrase wird sauber seziert. Das reicht von „alternativlos“ bis zu den stets „schonungslosen Analysen“ nach einer verlorenen Wahl, von Dingen, die „aufs  Schärfste verurteilt“ werden, bis zu einer „nachhaltigen Politik“, die „nah bei den kleinen Leuten“ ist, vom meist folgenlos bleibenden Vorsatz, „klare Kante“ zu zeigen, bis zu „Ehrlichkeit“, „Verantwortung“ und „Stabilität“. Der Leser nickt beifällig auf fast jeder Seite und freut sich über den klugen Kehraus, mit dem die Vermüllung des öffentlichen Diskurses betrieben wird. Wie war das nochmal? Die Basis ist die Grundlage des Fundaments.

„doppelte Haltelinie“ und „sachgrundlose Befristung“

Nicht nur bei Merkel kommt die Sprache oft gestelzt daher. Warum bloß sagen die Genossen von der SPD „doppelte Haltelinie bei der Rente“ statt „mehr Geld für Rentner“? Warum reden sie von einer „Rückkehr zur paritätischen Finanzierung in der Krankenversicherung“ statt von „jetzt zahlen die Arbeiter wieder weniger für die Krankenversicherung und die Arbeitgeber mehr“? Spätestens bei Begriffen wie „doppelte Haltelinie“ und „sachgrundlose Befristung“ greift der Fernsehzuschauer meist zur Fernbedienung.

Doch bei der Auflistung der Phrasen bleibt Georgi nicht stehen, sondern er bezieht die Politikrezipienten in seine Kritik ein. Das ist verdienstlich. Da ist die durch Internet und soziale Dienste beschleunigte Skandalisierungslust der Medien. Da ist die Unsitte der nachträglichen Autorisierung von Interviews. Da sind die Mechanismen einer Erregungs- oder auch Empörungsdemokratie, in der viele Spitzenpolitiker glauben, sich nur mit einer Insidersprache behaupten zu können. Die wenigen positiven Gegenbeispiele sind für den Autor Jens Spahn und Robert Habeck, weiter zurück in der Vergangenheit liegen Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Da kommt Sehnsucht auf.

„Seid mutiger und sprecht klarer“, fordert Georgi. Es ist ein fulminantes Plädoyer, dem ausnahmsweise das Prädikat „alternativlos“ gebührt.

Oliver Georgi: „Und täglich grüßt das Phrasenschwein. Warum Politiker keinen Klartext reden – und wieso das auch an uns liegt“. Dudenverlag, Berlin 2019, 224 Seiten, 18 Euro.

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