Physiotherapie in Berlin : Hauptstadt der Massagen und Drainagen

Nirgendwo sonst in Deutschland gibt die Barmer Krankenkasse so viel Geld für Physiotherapie aus wie in Berlin. Das hat nicht nur medizinische Gründe.

Viel zu tun für Physiotherapeuten. Berlin liegt bei den Ausgaben an der Spitze.
Viel zu tun für Physiotherapeuten. Berlin liegt bei den Ausgaben an der Spitze.Foto: Patrick Pleul/ dpa

Berlin bleibt die Hauptstadt der Massagen, Lymphdrainagen und Krankengymnastik. Im bundesweiten Ländervergleich sind hier die Ausgaben für Physiotherapie mit Abstand nach wie vor am höchsten, wie aus dem aktuellen Heil- und Hilfsmittelreport der Barmer Krankenkasse hervorgeht. Während die Therapiekosten je Barmer-Versicherten im vergangenen Jahr in Bremen gerade mal 54,74 Euro betrugen, lagen sie in Berlin bei 89,45 Euro, Das ist eine Differenz von 63 Prozent. Im Schnitt gab die Krankenkasse pro Versicherten 68,33 Euro für physiotherapeutische Leistungen aus.

Den Grund für die unterschiedlich hohen Ausgaben vermutet Barmer-Chef Christoph Straub im Verordnungsverhalten der Ärzte sowie in den jeweiligen Angebotsstrukturen. Rein medizinisch sei dieses Phänomen nicht erklärbar, betonte er. Da rund drei aller Heilmittelkosten auf die Physiotherapie entfielen, wolle man die Ursachen der Kostendifferenz nun weiter analysieren.

Dem Report zufolge lagen die gesamten Kassenaufwendungen für die Heilmittel Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie bei 855 Millionen Euro. Seit 2015 sei das ein Anstieg um sechs Prozent. Bei Hilfsmitteln wie Rollstühlen, Krankenbetten oder Atemgeräten war der Zuwachs mit 12,1 Prozent doppelt so hoch. Die Kassen gaben dafür im vergangenen Jahr etwas mehr als eine Milliarde aus.

Der Kostenanstieg werde sich fortsetzen, prophezeite Straub. Bereits für 2018 hätten die Ersatzkassen Preissteigerungen von mehr als 15 Prozent vereinbart. Zu Buche schlägt dabei vor allem der Plan von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Honorare für Therapeuten zu vereinheitlichen und auf das bundesweit höchste Niveau anzuheben. Dazu kommt eine dauerhafte Ablösung der Therapeutenvergütung von der sogenannten Grundlohnsteigerung, mit der der CDU-Politiker auf den zunehmenden Fachkräftemangel reagierte. Dadurch dürfen die Honorare der Therapeuten künftig auch schneller steigen als andere Löhne und Gehälter.

Dem Report zufolge wächst der Bedarf an Heil- und Hilfsmitteln mit dem Lebensalter. Einzige Ausnahme: die Ergotherapie. Hier bekommen fünf- bis neunjährige Jungen die mit Abstand meisten Leistungen. 2017 wurden bei der Barmer 9,31 Prozent der Jungen und 3,84 Prozent der Mädchen in diesem Alter ergotherapiert.

Die Gründe für den geschlechtsspezifischen Unterschied bei den Ausgaben seien ebenso zu analysieren wie wie die regionalen Kostenunterschiede, sagte Straub. Seiner Studie zufolge lagen die Ergotherapie-Ausgaben von allen Bundesländern in Sachsen am höchsten. Sie betrugen dort pro Barmer-Versicherten 19,14 Euro. Das Schlusslicht bildet auch hier wieder Bremen. Dort betrug die Kosten grade mal 9,02 Euro. Das entspricht einer Differenz von 112 Prozent.

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