Political Animal : Was in Leipzig für die SPD auf dem Spiel steht

Wo sie gegründet wurde, muss die SPD um ihren OB bangen. Der hat gegen den CDU-Kandidaten nur eine Chance, wenn Linke und Grüne ihn unterstützen.

Burkhard Jung (SPD), amtierender Oberbürgermeister von Leipzig.
Burkhard Jung (SPD), amtierender Oberbürgermeister von Leipzig.Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild

Man mag sich das gar nicht vorstellen: Zu allem Unglück kann die Sozialdemokratie auch den Wahlkampf in Leipzig noch verlieren. Genauer: den Oberbürgermeister, den sie seit 30 Jahren stellt. Fürs Selbstverständnis dieser anderthalb Jahrhunderte alten – ja, was soll man aktuell anderes sagen? – Gruppierung wäre das existenziell. In Leipzig wurde die SPD geboren.

Ihre Macht aber schwindet dahin. In Sachsen schon gar, wo die SPD landesweit unter zehn Prozent liegt und der gallige Witz in Form einer Schlagzeile vor Jahren keiner mehr ist: „SPD deutlich über fünf Prozent“. Zumal es gar so deutlich auch nicht mehr ist.
Nun also Leipzig.

Der erste Wahlgang ist vorüber, und der CDU-Bewerber, Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow, 41, hat gewonnen. Vor Burkhard Jung, 2006 das erste Mal gewählt. Dennoch will Jung, der Westler aus Siegen, Lehrer für Deutsch und Evangelische Theologie, vielgelobter Schulleiter in Leipzig bis 1999, danach nicht unumstrittener Beigeordneter, inzwischen bald 62, die dritte Amtszeit.

Das wird ganz und gar nicht einfach werden. Wenngleich Jung so redet, nach dem beschwörend klingenden Motto: Wird schon werden. Nur kann es auch nichts werden. Denn in Leipzig gibt es keine Stichwahl der aussichtsreichsten zwei Bewerber, sondern alle können wieder antreten, also auch die Linke, die Grünen, auf deren Stimmen Jung hoffen muss, um Gemkow zu überholen. Im zweiten Wahlgang entscheidet, anders als im ersten, die einfache Mehrheit.

Mehr als 470 000 Leipziger sind wahlberechtigt, die Beteiligung lag etwas unter 50 Prozent. Da geht also noch was. Aber für wen?

Der Hipsterbart des CDU-Kandidaten

Jung ist im ersten Versuch knapp unter 30 Prozent geblieben, was nach seiner langen Zeit im Amt den Bürgern nicht ganz so einfach als Erfolg zu verkaufen ist. Immerhin verzeichnet er ein Minus von zehn Prozentpunkten gegenüber der vorigen Wahl. Hinzu kommt, dass die neue SPD-Vorsitzende Saskia Esken Kandidat Jung nicht gerade geholfen hat mit ihrer öffentlichen Skepsis gegenüber dem Einsatz der Polizei in Leipzig-Connewitz.

Ausgerechnet Connewitz. Da wohnt SPD-Bewerber Jung. Die gewaltsamen linksextremistischen Ausschreitungen kamen dann CDU-Mann Gemkow zugute. Und seither tönt seien Partei, dass Sicherheit ein wichtiges Thema und bei ihr besser aufgehoben sei.

Der ein wenig gönnerhafte Hinweis, OB Jung habe die Stadt anständig verwaltet, jetzt sei es aber Zeit für neue Impulse, kann verfangen. Gemkow, zwanzig Jahre jünger als Jung, mit Hipster-Bart, wirkt nicht direkt wie einer, der „rechts gescheitelt“ ist (O-Ton Jung) ist.

Gemkow wirkt moderner und liberaler. Ihm kommt einiges zupass: Die generelle Schwäche der SPD; ihre Notwendigkeit, in Leipzig alles auf die Person Jung zu setzen. Gegen ihn, Gemkow, den gebürtigen Leipziger, dessen Vater bis 1994 hier Ordnungsbürgermeister war; der verwandt ist mit General und Widerstandskämpfer Hans Oster; der sich klar gegen rechte wie linke Extremisten positioniert.

Die Polarisierung hat begonnen. „Es gibt einen großen Wunsch nach innerem Frieden“, sagt Gemkow. „Jetzt geht es darum: Progressivität oder eine Rolle rückwärts?“, hält Jung dagegen. Die Linke erklärt denn auch schon, einen konservativen Oberbürgermeister wolle sie nicht. Der Wahlausgang am 1.März wird’s weisen. Weit über Leipzig hinaus.

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