Politik auf dem Land : Ideen für die Provinz

Kleine Dörfer und ihre mangelnde Infrastruktur waren lange bedeutungslos für die Politik. Warum jetzt Lösungen benötigt werden. Eine Kolumne.

ARCHIV - Das Luftbild einer Drohne zeigt am 06.04.2017 den kleinen Ort Sieversdorf im Landkreis Oder-Spree (Brandenburg). Der Landtag von Potsdam startet mit einer Debatte über die Zukunft ländlicher Regionen seine Sitzung. (zu «Landtag debattiert über ländliche Regionen und Integration» vom 12.12.2017) Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit Ländlicher Raum
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Man kann es verstehen: Wer eine Stunde oder zwei zum Zahnarzt fahren muss oder eine halbe Stunde zum nächsten Supermarkt, wer seine Kinder um sechs Uhr morgens zum Schulbus schickt und sich abends vom Teenagersohn anhören muss, das Dorfleben sei öde – der kann sich schon abgehängt fühlen. So empfindet ein Drittel der Brandenburger, oder genauer: derjenigen Brandenburger, die nicht im Berliner Umland wohnen. Das hat eine Infratest-Umfrage für den rbb ergeben.

Sie bestätigt damit, was andere, deutschlandweite Studien herausgefunden haben: In wirklich entlegenen Dörfern, wo nur ein paar hundert Menschen wohnen, fehlt es an manchem, was in den Ballungsgebieten der Republik selbstverständlich ist.

Die Bundesregierung wäre gut beraten, schneller an einer Lösung für Dorfbewohner zu arbeiten

Ein paar hundert Dörfler hier, ein paar hundert im nächsten Dorf Dutzende Kilometer waren lange strukturell bedeutungslos in der Politik. Ihr Gemecker, ihre Kritik an der Infrastruktur brachte keine Landesregierung ins Wanken. Inzwischen aber gibt es die AfD. Sie ist für viele, die sich abgehängt fühlen, zum Protestverstärker geworden, in Brandenburg und anderswo.

Mehrheiten ergeben sich nicht mehr von allein dort, wo viele Menschen wohnen, wenn man deren Interessen bedient. Die rot- rote Landesregierung in Potsdam hat allen Grund, darüber nachzudenken, was sie für die Abgehängten in der Prignitz, in Märkisch-Oderland und in der Lausitz tun kann. Und mit Blick auf die weite deutsche Provinz wäre auch die Bundesregierung gut beraten, daran forciert und schneller als bislang zu arbeiten. Man muss nicht mit der grundgesetzlich versprochenen „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet“ kommen, um das plausibel zu machen. In vielen Städten gibt es große Probleme mit der Wohnungsversorgung, den Schulen, dem Verkehr. Da kann niemand wollen, dass auch noch der letzte Oderbruchbewohner vom Dorf in die Stadt zieht. Zumal sich die Arbeitswelt in einem so rapiden Tempo verändert, dass – mit aller Wahrscheinlichkeit - die Arbeitsmöglichkeiten am Computer für Stadt- und Landbewohner immer ähnlicher werden.

Tschechien, Lettland, USA - sie alle sind der Bundesregierung voraus

Um der Digitalisierung mal eine menschenfreundliche Seite abzugewinnen: Für viele Arbeitnehmer in den verschiedensten Metiers, von der Behörde bis zum Architekturbüro, werden vermutlich in einigen Jahren fünf Tage Anwesenheitspflicht im Büro, von neun bis siebzehn Uhr, nur noch Erinnerung sein. Die Verbindung mit der Chefin oder dem Projektleiter und mit den Kollegen wird dann tageweise aus einem Glasfaserkabel bestehen.

Das setzt Infrastruktur voraus – und da sind die Bundesregierung und die meisten Landesregierungen den Bürgern hierzulande einiges schuldig geblieben, wenn man Deutschland zum Beispiel mit Tschechien oder mit Lettland vergleicht. Das ist, nebenbei, keine Frage der Größe eines Landes: Auch das böse Trumpland weit hinter dem Atlantik ist in Sachen Netzgeschwindigkeit der Bundesrepublik voraus.

Gleichwertige Lebensverhältnisse bedeuten nicht, dass man in der Prignitz die gleiche Psychoanalytiker-Dichte vorfindet wie in Berlin. Doch sie sind gerade in Zeiten wachsender Entfremdung zwischen dem Staat und den Bürgern und abnehmendem Interesse an der Politik ein Gebot der (politischen) Vernunft. So wie ein paar Dorfbewohner hier und ein paar weitere dort eine Protestpartei stärken, wenn diese erst mal da ist, können die demokratischen Parteien diese Wähler zurückgewinnen, wenn sie deren Interessen berücksichtigen.

Lösungsvorschläge gibt es - an der Umsetzung mangelt es

Internet, Ärzte, Verkehrsverbindungen, Schulen - das sind keine unlösbaren Aufgaben. Dorfschulen waren noch in den 70er Jahren eine jahrgangsübergreifende Veranstaltung. Und wenn in einer Schule bloß ein Dutzend Kinder unterschiedlichen Alters etwas lernen soll, bekommen sie dort vermutlich mehr mit als an einer normalen Berliner Grundschule mit Lehrermangel, Mobbingproblemen und lauter Kindern, die kein Deutsch sprechen.

Verkehr kann man nach Bedarf über Ruftaxen organisieren. Fahrer werden sich finden, wenn sie ordentlich bezahlt werden – notfalls mit einem staatlichen Zuschuss. Die Landärztequote – Arztausbildung gegen die Verpflichtung, zehn Jahre in der Provinz zu praktizieren – soll bundesweit verwirklicht werden. Doch bislang ist nur Bayern verbindlich für diese Regelung. Potsdam könnte von München lernen. Ideen für ein gutes Leben auf dem Land gibt es serienweise. Man muss sie bloß verwirklichen.

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