Wo das Soziale immer wieder eingeübt werden kann

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Politik in der Krise : Was hält die Gesellschaft eigentlich noch zusammen?

Auch Grande sieht das Allgemeine in der Defensive. „Die alten Verfahren waren darauf ausgerichtet, dass sich die politischen Eliten auf alles verständigt haben. Die Distanz zwischen Bürgern und Politik ist größer geworden. Es gibt eine Repräsentationskrise.“ Die Antwort darauf müsse nun sein, dass die alten Eliten zum einen neue Verfahren suchen, um die Bürger einzubinden. Das können Bürgerforen sein, Mitbestimmungsformen auch für Nicht-Parteimitglieder, Kooperationen mit Nicht- Regierungsorganisationen. Townhall-Meetings sind da eine besonders sichtbare Form. Hier bekommt das Zuhören einen neuen Stellenwert ebenso das Artikulieren von Positionen auf Augenhöhe. Und die Dynamik, die daraus entstehen kann, hat der Hamburger Pfleger Alexander Jorde verkörpert, indem er mit seinen Fragen an Angela Merkel der ganzen Misere des Pflegens ein Gesicht gab und vor allem eine starke Stimme.
Zum anderen schaut Edgar Grande ohnehin lieber gleich auf die Basis, auf das, was nachwächst am Nährboden für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dabei hat er einen auf den ersten Blick paradoxen Prozess beobachtet: „Die Individualisierung führt zu neuen Abhängigkeiten und erzeugt neue Vernetzungen.“ Ein Beispiel? Die Kinderbetreuung. Wenn gerade in Großstädten beide Elternteile berufstätig sind, die Großeltern weit entfernt leben und Betreuungsmöglichkeiten fehlen, kann neues soziales Engagement entstehen, durch Elterninitiativen. „Teilweise fängt dies das Weggefallene auf“, sagt Grande. Der Erziehungs- und Bildungsbereich sei dabei modellhaft, etwa mit dem schönen Begriff der Schulgemeinschaft. Dazu gehören eben alle, die Schüler, die Lehrer und die Eltern. Im gemeinsamen Kümmern steigt auch das Verantwortungsgefühl. Doch wenn Schule immer selektiver wird statt integrativ zu sein, wird das Allgemeine schon von klein auf geschwächt.

Schule: Ort des Mangels oder der Allgemeinheit?

Hier treffen sich übrigens Grande und Reckwitz. „Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob die Schulen eher ein Ort der Mangelverwaltung und Desintegration sind und man zwischen ihnen immer neue Wettbewerbe inszeniert, wie man es in den letzten Jahren getan hat“, sagt Reckwitz, „oder ob man sie grundsätzlich als Ort des Allgemeinen, als Ort der Vermittlung von Kompetenzen und Einübung von Normen für die gesamte nachwachsende Gesellschaft selbstbewusst formt.“ Ihm dränge sich der Verdacht auf, dass die Vermittlung von allgemeinen Kompetenzen, eines „Wissens- und Orientierungskanons“ immer schwächer geworden ist. „Natürlich: Die Schulen sollen jeden Einzelnen in seiner Besonderheit fördern und auch selbst besondere Schwerpunkte setzen können. Trotzdem sollte ein allgemeines Orientierungswissen vermittelt werden, auf dem dann auch politische Willensbildung aufbauen kann.“

Es geht dabei nicht um eine Einheitsschule, sondern darum, dass allgemein wichtig erachtetes Wissen und Können in den verschiedenen Schultypen gelernt werden kann. Was dieses Wissen und Können ist, muss immer wieder neu ausgehandelt werden, auch wenn das die Gesellschaft ganz schön anstrengt. Es sei eben nicht so, sagt Reckwitz, dass das allgemein Geteilte wie in der Vorstellung mancher Konservativer schon immer da war und einfach nur weitertradiert werden muss.

Dieses Aushandeln wird auf jeden Fall leichter, wenn es offene und vitale Foren gibt. Foren für persönliche Gespräche. Foren, die Gräben von Milieus überbrücken können. Das schafft noch keine Entscheidungen, aber es wirkt vertrauensbildend und verbindend. Welche das sind? Die Vereine beispielsweise. In manchen Bereichen sind auch sie gefährdet, Gesangsvereine haben schwer zu kämpfen, gesungen wird freilich weiter, dann eben in Chorprojekten.

Viele verlieren - die Sportvereine gewinnen

Auch Sportvereine haben Konkurrenz bekommen durch immer mehr kommerzielle Anbieter und neue individuellen Bewegungsformen. Doch während andere große Institutionen in den vergangenen Jahren hunderttausende Mitglieder verloren haben, ist die Zahl der Mitgliedschaften im Deutschen Olympischen Sportbund auf 27 Millionen angewachsen.

Die verbindende Kraft der Sportvereine liegt auch darin, dass die Spielregeln von allen Seiten verstanden und akzeptiert werden. Sie müssen nicht erst bestimmt werden. Niemand stellt beim Anpfiff die Zahl der Spieler beim Fußball in Frage oder die Länge von Leichtathletikstrecken. Dafür muss die Akzeptanz von Entscheidungen, also das Soziale, der Geist hinter den Regeln, das Fairplay, immer wieder neu eingeübt werden, wie unter anderem Attacken auf Schiedsrichter zeigen.

In Vereinen können so die Muskeln und die Ausdauer der ganzen Gesellschaft trainiert werden.

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