Die Parole der Postfaktizität lautet "Nee, seh' ich anders"

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Postfaktizität : Heute kauf’ ich mir eine Wahrheit
Lars Distelhorst
Im Angebot! Etwas Wahrheit noch, aber frisch und gut verdaulich, bitte.
Im Angebot! Etwas Wahrheit noch, aber frisch und gut verdaulich, bitte.Foto: imago/Ralph Peters

Schließlich hält die Logik der Ware auch Einzug in unser Selbstverständnis. Soziale Beziehungen verwandeln sich in Punkte innerhalb von Netzwerken und laden sich mit instrumenteller Logik auf („wir bleiben in Kontakt“). Sogar sich selbst begreift der moderne Mensch immer mehr als Ressource, die es zu optimieren und effizient auszubeuten gilt. Und so füllen sich die Laufbänder der Fitnessstudios mit Menschen, die sich bewegen und doch keinen Schritt vorankommen, aber darauf hoffen, ihren strammen Körper gegen Sex, Liebe oder einen guten Job tauschen zu können.

Entgegen der allerorten hörbaren Rede von zunehmender sozialer Komplexität und daraus resultierender Orientierungslosigkeit sind wir heute mit einer gänzlich anderen Dynamik konfrontiert: Eine radikaler Ökonomisierung ausgesetzte Gesellschaft, in welcher der Mensch sich mit der US-amerikanischen Politologin Wendy Brown gesprochen immer mehr in einen „totalen homo oeconomicus“ verwandelt, bringt vor allem Eindimensionalität und Entdifferenzierung hervor.

Die Lüge respektiert die Wahrheit, die Postfaktizität nicht

Soziale Sinn- und Bedeutungsverhältnisse verlieren im Zuge der Ausbreitung der Warenlogik an Verbindlichkeit und erschaffen ein Universum der Beliebigkeit. In dieser Welt kann zwar jeder und jede machen, was sie oder er will. Bedeuten wird es allerdings nichts.

Das mit dem Begriff Postfaktizität bezeichnete Phänomen ist aus diesem Blickwinkel nichts anderes als eines der Symptome dieses Prozesses. Das fällt ins Auge, wenn man verstanden hat, was Postfaktizität genau bedeutet. Zur Veranschaulichung kann sehr gut eine Sendung des NDR dienen, in der Teilnehmer der Pegida-Demonstrationen hinsichtlich ihrer Motive interviewt wurden (Ausschnitte können bei Youtube eingesehen werden). Pegida steht bekanntlich für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“.

Mit der Frage konfrontiert, wo sie denn angesichts des deutlich unter einem Prozent liegenden Anteils der in Sachsen leben Muslime an der sächsischen Gesamtbevölkerung das Problem sehen würden, bliebe den Teilnehmern der Demonstration logisch betrachtet eigentlich nur eines: erleichtert aufatmen, sich für die Information bedanken und nach Hause gehen. Stattdessen antwortet eine der Teilnehmerinnen mit den vielsagenden Worten: „Nee. Ich seh’ das anders.“ Genau das ist Postfaktizität.

Die Wirklichkeit wird selbst zur Ware

Sie ist keine Lüge, denn die Lüge weiß um die Wahrheit und zollt ihr im Bestreben, sie bestmöglich zu verbergen, Respekt. In einer von Postfaktizität durchdrungenen Gesellschaft sind Wahrheit und Wirklichkeit schlicht und einfach keine Bezugspunkte mehr.

Mit der Postfaktizität wird die Wirklichkeit selbst zur Ware. Sie wird getauscht gegen Wählerstimmen, die Mitgliedschaft in sozialen Netzwerken und das richtige Gefühl am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Dafür setzt sie vor allem auf das Schüren und die Manipulation von Gefühlen, wozu sich insbesondere Emotionen wie Angst oder Hass und Empörung hervorragend eignen (so ziemlich jedes AfD-Plakat lässt sich auf eine dieser beiden Emotionen reduzieren). Durch diese Gefahr werden einerseits schutzbedürftige gesellschaftliche Gruppen wie Geflüchtete bedroht. Andererseits gefährdet die Verbreitung postfaktischer Diskurse in massiver Weise die Demokratie.

Das politische Leben in Demokratien ist von der Übereinkunft getragen, Konflikte durch Argumente statt Gewalt zu regeln. Damit dies gelingt, müssen verschiedene Positionen gegeneinander abgewogen, verglichen, auf ihre analytische Qualität und ihre praktischen Konsequenzen hin geprüft werden. Ohne Bezugspunkte wie Wahrheit, Fakten, Rationalität und Logik ist dies unmöglich. Löst sich der politische Diskurs vom Bemühen, eine adäquate Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu leisten, kippt er schließlich in Gewalt um.

Kulturkritik reicht nicht mehr

Die weltweiten Wahlerfolge rechter Parteien in Europa zeigen dies in aller Deutlichkeit. In einer immer sinnloser werdenden Welt bieten sie ihren Wählern eine wohlgeordnete Welt an. In ihr gibt es auf der einen Seite die Mitglieder der eigenen Gruppe, die meistens durch die Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat definiert wird. Auf der anderen Seite stehen all jene, die von außen kommen und die Homogenität dieses bedrängten Kollektivs gefährden – durch ihre Armut, ihre Religion oder auch einfach nur ihre Gegenwart.

Eine nach dem Freund-Feind-Schema geordnete Welt mag zu einfach erscheinen, ist vielen Menschen aber offensichtlich wesentlich lieber als der Sinn- und Bedeutungsverlust, von dem die heutige Gesellschaft in immer stärkerem Maße ergriffen wird.

Wollen wir dieser Bewegung etwas entgegensetzen, müssen wir eines begreifen: Die kritische Theorie der Gesellschaft darf nicht bei der Kulturkritik stehen bleiben. Sie muss wieder zur Kritik des Kapitalismus finden.

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