Postfaktizität : Heute kauf’ ich mir eine Wahrheit

Es ist das kapitalistische Prinzip, in dem der Fehler steckt - oder: Was Sie Karl Marx schon immer über Postfaktizität fragen wollten. Ein Essay.

Lars Distelhorst
Im Angebot! Etwas Wahrheit noch, aber frisch und gut verdaulich, bitte.
Im Angebot! Etwas Wahrheit noch, aber frisch und gut verdaulich, bitte.Foto: imago/Ralph Peters

Seit dem Aufstieg von rechtspopulistischen Politikern wie Trump oder Orban, Bewegungen wie Pegida und Parteien wie der AfD ist der Begriff Postfaktizität in der Öffentlichkeit omnipräsent. Er bezeichnet eine Form des politischen Diskurses, die auf die Manipulation von Gefühlen statt den Austausch rationaler Argumente setzt – losgelöst von Fakten und überprüfbaren Bezügen auf die Wirklichkeit.

Deutschland hat statistisch betrachtet keine Islamisierung zu befürchten und nimmt im internationalen Vergleich keineswegs die meisten Geflüchteten auf. Dennoch vergiften Angst, Wut und Hass zusehends das politische Klima. Dies alles wird zwar so kritisch wie intensiv diskutiert. Dabei wird allerdings ein wesentlicher Umstand verkannt: Postfaktizität geht keineswegs allein auf den Verfall politischer Tugenden oder einen Verlust journalistischer Standards zurück.

Die wohldokumentierten Lügen des amerikanischen Präsidenten stellen ebenso wenig das Problem dar wie Journalisten, die im Kampf um Klicks versucht sind, von der Realität nicht gedeckte, doch reißerische Überschriften zu machen. Der Grund für die Verbreitung postfaktischer Diskurse liegt nicht in einer auf Abwegen befindlichen Kultur. In diesem Fall könnten wir sie mit Selbstverpflichtungen von Politikern und journalistischen Formaten wie dem beliebten Faktencheck in den Griff bekommen. Stattdessen ist sie tief in der kapitalistischen Ökonomie verwurzelt. Und indem sich die kapitalistische Logik in immer mehr Lebensbereiche ausweitet, indem der Mensch selbst immer stärker zum Warenproduzenten und gar selbst zur Ware wird, breitet sich auch Postfaktizität weiter aus. Um diesen Zusammenhang zu verstehen, lohnt es sich, einen ökonomischen Denker neu zu lesen: Karl Marx.

Waren brauchen einen Nutzwert, der macht sie attraktiv

Der erste Satz in Marx’ berühmtem „Kapital“ lautet: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung.“ Die Ware scheint auf den ersten Blick etwas ganz Einfaches zu sein. Bei näherem Hinsehen ist sie allerdings ein „vertracktes Ding voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken“. Das liegt vor allem an ihrer Spaltung in Gebrauchs- und Tauschwert. Damit eine Ware sich verkauft, muss sie für ihre potenziellen Käufer einen Nutzen haben.

Damit sie ihrem Produzenten etwas einbringt, muss sie auch einen in Geld ausdrückbaren Tauschwert besitzen. Daraus ergibt sich ein folgenschweres Dilemma: Damit sie dies tut, reicht es vollkommen, wenn es ihren Produzenten gelingt, den potenziellen Käufern der von ihnen feilgebotenen Waren glaubhaft zu versichern, sie hätten von deren Kauf einen Nutzen. Mit der Werbung hat sich heute eine ganze Branche des Problems angenommen, den Menschen immer neue Dinge schmackhaft zu machen, von denen sie bislang nicht einmal wussten, dass sie in irgendeiner Weise nötig hätten.

Der Kreislauf der Ware ist mit ihrem Verkauf jedoch keineswegs abgeschlossen. Ganz im Gegenteil wird der realisierte Profit wieder zur Produktion neuer Waren verwendet. Kapitalismus ist aus dieser Sicht eine Tautologie: Waren werden produziert, um Profit zu realisieren, um Waren zu produzieren, um Profit zu realisieren. Im günstigsten Fall nimmt das Hamsterrad dabei kontinuierlich an Fahrt auf und wird immer größer. Das moderne Wort dafür ist Wirtschaftswachstum und stellt den heiligen Gral der heutigen Gesellschaft dar. Marx hat dies in der einfachen Formel G – W – G’ (Geld – Ware – mehr Geld) ausgedrückt, die sich ad infinitum erweitern lässt und sich dabei im Kern um nichts als sich selbst dreht.

Jägermeister: bei gleicher Rezeptur vom Rentner- zum Clubbergesöff

Eine Ware ist aus Sicht der kapitalistischen Ökonomie so gut wie eine andere, solange sie geeignet ist, ihren Wert zu realisieren. Auf diese Weise verschwinden Differenzen und wird Komplexität systematisch eingeebnet. Schließlich unterscheidet sich eine Ware von der anderen nur noch durch ihre im Grunde bedeutungslose Form. Wie gleichgültig bei Waren der Inhalt gegenüber der Form ist, zeigt beispielsweise die Entwicklung einer Marke wie Jägermeister: vom Verdauungsschnaps für Rentner zum hippen Clubgesöff. Oder Audi: von langweiligen Familienkutschen zu coolen Mackerkarren.

Waren laden sich erst dort mit Bedeutung auf, wo sie die ökonomische Zirkulation verlassen und konsumiert werden. Einem Unternehmen ist es in letzter Konsequenz gleichgültig, ob es Rollschuhe oder Rizinusöl produziert, einem Kind am Weihnachtsabend jedoch keineswegs. Solange Waren von den einen produziert und von den anderen konsumiert werden und beide Bereiche möglichst sauber voneinander getrennt sind, hält sich das Problem der Sinnlosigkeit in Grenzen.

Nun gerät diese Grenze aber zusehends ins Wanken. Das Stichwort für diesen Prozess ist die viel zitierte „Ökonomisierung der Gesellschaft“. Der Begriff bezeichnet heute eine Vielzahl paralleler Entwicklungen, die ihren Fluchtpunkt in der Verbreitung wirtschaftlicher Profitlogik und damit zugleich in einem fortschreitenden gesellschaftlichen Sinnverlust finden.

Die Warenlogik breitet sich aus, auch ins Private

Ökonomisierung bedeutet zunächst die Ausbreitung der Warenlogik in Bereiche, die bislang nicht warenförmig organisiert waren. So ist zum Beispiel die Zahl der Privatschulen in den vergangenen 25 Jahren signifikant gestiegen, in Bereichen wie der Pflege alter Menschen spielen private Dienste eine Schlüsselrolle, und die Wasserversorgung wird vielerorts privatisiert. Damit verändert sich schleichend auch die Logik, von der diese Bereiche der Gesellschaft strukturiert werden. Ob das Ziel der Profitmaximierung eine faire Verteilung solch zentraler Dinge wie Wasser oder menschlicher Hilfe herstellen kann, darf bezweifelt werden.

Des Weiteren steht ein auf Warenproduktion und Profit basierendes System vor dem Problem kontinuierlichen Wachstums. Es werden mehr und mehr Waren erzeugt, die keinen Nutzen haben und nur mit aufwendigsten Werbekampagnen an die Kunden gebracht werden können. Auch in den Händen ihrer Käufer angelangt besitzen sie immer weniger Sinn und lassen die Frage offen, wozu es sie überhaupt gibt. Macht das neue Handymodell wirklich etwas besser als das alte? Der Kauf geschieht aus einer Sehnsucht nach dem Schönen, die notwendigerweise enttäuscht wird.

Im Angebot! Etwas Wahrheit noch, aber frisch und gut verdaulich, bitte.
Im Angebot! Etwas Wahrheit noch, aber frisch und gut verdaulich, bitte.Foto: imago/Ralph Peters

Schließlich hält die Logik der Ware auch Einzug in unser Selbstverständnis. Soziale Beziehungen verwandeln sich in Punkte innerhalb von Netzwerken und laden sich mit instrumenteller Logik auf („wir bleiben in Kontakt“). Sogar sich selbst begreift der moderne Mensch immer mehr als Ressource, die es zu optimieren und effizient auszubeuten gilt. Und so füllen sich die Laufbänder der Fitnessstudios mit Menschen, die sich bewegen und doch keinen Schritt vorankommen, aber darauf hoffen, ihren strammen Körper gegen Sex, Liebe oder einen guten Job tauschen zu können.

Entgegen der allerorten hörbaren Rede von zunehmender sozialer Komplexität und daraus resultierender Orientierungslosigkeit sind wir heute mit einer gänzlich anderen Dynamik konfrontiert: Eine radikaler Ökonomisierung ausgesetzte Gesellschaft, in welcher der Mensch sich mit der US-amerikanischen Politologin Wendy Brown gesprochen immer mehr in einen „totalen homo oeconomicus“ verwandelt, bringt vor allem Eindimensionalität und Entdifferenzierung hervor.

Die Lüge respektiert die Wahrheit, die Postfaktizität nicht

Soziale Sinn- und Bedeutungsverhältnisse verlieren im Zuge der Ausbreitung der Warenlogik an Verbindlichkeit und erschaffen ein Universum der Beliebigkeit. In dieser Welt kann zwar jeder und jede machen, was sie oder er will. Bedeuten wird es allerdings nichts.

Das mit dem Begriff Postfaktizität bezeichnete Phänomen ist aus diesem Blickwinkel nichts anderes als eines der Symptome dieses Prozesses. Das fällt ins Auge, wenn man verstanden hat, was Postfaktizität genau bedeutet. Zur Veranschaulichung kann sehr gut eine Sendung des NDR dienen, in der Teilnehmer der Pegida-Demonstrationen hinsichtlich ihrer Motive interviewt wurden (Ausschnitte können bei Youtube eingesehen werden). Pegida steht bekanntlich für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“.

Mit der Frage konfrontiert, wo sie denn angesichts des deutlich unter einem Prozent liegenden Anteils der in Sachsen leben Muslime an der sächsischen Gesamtbevölkerung das Problem sehen würden, bliebe den Teilnehmern der Demonstration logisch betrachtet eigentlich nur eines: erleichtert aufatmen, sich für die Information bedanken und nach Hause gehen. Stattdessen antwortet eine der Teilnehmerinnen mit den vielsagenden Worten: „Nee. Ich seh’ das anders.“ Genau das ist Postfaktizität.

Die Wirklichkeit wird selbst zur Ware

Sie ist keine Lüge, denn die Lüge weiß um die Wahrheit und zollt ihr im Bestreben, sie bestmöglich zu verbergen, Respekt. In einer von Postfaktizität durchdrungenen Gesellschaft sind Wahrheit und Wirklichkeit schlicht und einfach keine Bezugspunkte mehr.

Mit der Postfaktizität wird die Wirklichkeit selbst zur Ware. Sie wird getauscht gegen Wählerstimmen, die Mitgliedschaft in sozialen Netzwerken und das richtige Gefühl am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Dafür setzt sie vor allem auf das Schüren und die Manipulation von Gefühlen, wozu sich insbesondere Emotionen wie Angst oder Hass und Empörung hervorragend eignen (so ziemlich jedes AfD-Plakat lässt sich auf eine dieser beiden Emotionen reduzieren). Durch diese Gefahr werden einerseits schutzbedürftige gesellschaftliche Gruppen wie Geflüchtete bedroht. Andererseits gefährdet die Verbreitung postfaktischer Diskurse in massiver Weise die Demokratie.

Das politische Leben in Demokratien ist von der Übereinkunft getragen, Konflikte durch Argumente statt Gewalt zu regeln. Damit dies gelingt, müssen verschiedene Positionen gegeneinander abgewogen, verglichen, auf ihre analytische Qualität und ihre praktischen Konsequenzen hin geprüft werden. Ohne Bezugspunkte wie Wahrheit, Fakten, Rationalität und Logik ist dies unmöglich. Löst sich der politische Diskurs vom Bemühen, eine adäquate Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu leisten, kippt er schließlich in Gewalt um.

Kulturkritik reicht nicht mehr

Die weltweiten Wahlerfolge rechter Parteien in Europa zeigen dies in aller Deutlichkeit. In einer immer sinnloser werdenden Welt bieten sie ihren Wählern eine wohlgeordnete Welt an. In ihr gibt es auf der einen Seite die Mitglieder der eigenen Gruppe, die meistens durch die Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat definiert wird. Auf der anderen Seite stehen all jene, die von außen kommen und die Homogenität dieses bedrängten Kollektivs gefährden – durch ihre Armut, ihre Religion oder auch einfach nur ihre Gegenwart.

Eine nach dem Freund-Feind-Schema geordnete Welt mag zu einfach erscheinen, ist vielen Menschen aber offensichtlich wesentlich lieber als der Sinn- und Bedeutungsverlust, von dem die heutige Gesellschaft in immer stärkerem Maße ergriffen wird.

Wollen wir dieser Bewegung etwas entgegensetzen, müssen wir eines begreifen: Die kritische Theorie der Gesellschaft darf nicht bei der Kulturkritik stehen bleiben. Sie muss wieder zur Kritik des Kapitalismus finden.

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