Präsident im Un-Ruhestand : Obama in München – aber nicht auf dem Oktoberfest

Der ehemalige US-Präsident besucht die Start-up-Messe „Bits and Pretzels“. Er spricht über Mut und Hoffnung. Eine kleine Spitze gegen Trump inklusive.

Barack Obama, ehemaliger Präsident der USA, auf der Bühne des Unternehmensgründer- und Investorentreffens Bits & Pretzels.
Barack Obama, ehemaliger Präsident der USA, auf der Bühne des Unternehmensgründer- und Investorentreffens Bits & Pretzels.Foto: Sven Hoppe/dpa

Nach eineinhalb Stunden quälend langer Werbung für die Start-up-Messe „Bits and Pretzels“ wird es dunkel in der riesigen Münchner Messehalle, er betritt die Bühne, die Zuschauer stehen auf und baden ihn im Applaus. Barack Obama ist da, der 44. Präsident der USA. Über Monate hinweg war dieser Besuch an der Isar organisiert und vermarktet worden. Die Messe für Unternehmensgründer, nach eigenen Angaben europaweit die größte, findet traditionell während des Oktoberfestes statt. Und so spekulierte halb München vor allem über eine Frage: Geht der ehemalige US-Präsident auch auf die Wiesn oder nicht?

Obama scherzt zu Beginn darüber, meint, dass er hier sei, weil sein Team aufs Oktoberfest wollte und das wohl auch sehr genossen habe. Für ihn selbst aber sei es schwierig, die Sicherheitsdienste würden etwas nervös, wenn er in ein Zelt mit 10.000 Besuchern gehen würde. Mit Obama auf der Wiesn war es also nichts, wenngleich man ihm eine Tracht ins Hotelzimmer gelegt hat. Er würde sie einmal für Gattin Michelle tragen.

Der Glanz dieses Münchner Sonnen-Sonntags strahlt nicht über der Theresienwiese, sondern der Messe, wo der von vielen so verehrte Obama eine Stunde lang in einem lockeren Interview mit der Journalistin Britta Weddeling redet. Über Klimapolitik, Emanzipation, seine Hoffnung in junge Menschen, das Leben als Präsident im Ruhestand. Zum Klimawandel sagt er: „Wir brauchen alle auf dem Deck.“ Aber: „Oft folgen Politiker und führen nicht“ – eine kleine Spitze gegen seinen Nachfolger Donald Trump. Es könne nicht angehen, dass die 16-jährige Greta Thunberg, die er zweimal getroffen hat, führend gegen den Klimawandel kämpfe und nicht die Erwachsenen. Mit seiner Stiftung „Obama Foundation“ unterstützt er weltweit junge Menschen, die sich etwa in Nichtregierungsorganisationen engagieren.

Obama, wie man ihn kennt

München erlebt einen Barack Obama, wie man ihn aus seiner Präsidentenzeit von 2009 bis 2017 kennt: Er redet oft mit einem leisen, aber feinen Witz, kann sehr ernsthaft werden, erscheint als wacher, intelligenter und den Menschen zugewandter Mann. Das Haar ist grau, das Gesicht älter geworden, er ist sehr schlank. In der Gegenüberstellung mit seinem im Weißen Haus herumwütenden Nachfolger erscheint Obama umso mehr als Leuchtgestalt eines ganz anderen Amerikas.

Über Emanzipation meint er: „Männer denken, dass sie wissen, über was sie reden – auch wenn sie es nicht tun.“ Bei Besprechungen in seiner Regierungsmannschaft habe er oft gesagt: „Benutz deine Ohren und nicht nur den Mund.“ Obama trägt ein hellgraues Hemd, dunkles Jackett, keine Krawatte. Die 8000 überwiegend jungen Besucher sind teils in Wiesn-Tracht gekleidet, teils betont locker in Jeans, Turnschuhen und mit Baseballkappe. Auf diese jungen Menschen setzt Obama: „Sie wollen Geld verdienen, aber sie wollen sich auch ethisch verhalten.“ Er sehe „viel Mut und Idealismus“. Höhere Bildungsausgaben sind ihm wichtig. Gleichwohl kenne er Bestverdiener im Silicon Valley, die aber nicht einsehen würden, dass sie Steuern bezahlen müssen.

Über Donald Trump sagt Obama nichts direkt, das verbieten die Gepflogenheiten. Doch ist klar, dass Obama Trump in allem komplett entgegensteht. „Wir alle haben Wert und Würde“, sagt er. Gegenwärtig aber nehme „das alte Denken“ wieder zu, das Sich-Erheben über andere. Es sei an der Zeit, „Demokratie und Freiheit zu reaktivieren“.

Was ist jetzt anders für ihn, seit er nicht mehr im Weißen Haus sitzt? „Schlafen“, sagt er, „das ist wie eine Droge.“ Und: „I hang out with my wife“, er hänge ab mit seiner Frau Michelle. Nach einer Stunde geht er, fast schlagartig. Den größten Teil des Applauses bekommt er nicht mehr mit. Gegen 15 Uhr vermeldet die Polizei, Obama habe Deutschland wieder verlassen.

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