Präsidentschaftswahl in Westafrika : Kampf um Kamerun

Am Sonntag wählt die frühere deutsche Kolonie in Westafrika einen neuen Staatschef. Es dürfte der alte werden, der seit 36 Jahren an der Macht ist.

Paul Biya will auch nach 36 Jahren weiterhin Präsident der Republik Kamerun bleiben.
Paul Biya will auch nach 36 Jahren weiterhin Präsident der Republik Kamerun bleiben.Foto: Julien Warnand/EPA/dpa

Beobachter sind sich weitgehend einig: Kamerun wird von Aufständen, Korruption und Misswirtschaft geprägt. Und Präsident Paul Biya täte gut daran, sein Land zu reformieren – oder die Macht einem Nachfolger zu überlassen. Doch der 85-Jährige will auch nach 36 Jahren Staatschef bleiben, schon jetzt ist er einer der am längsten amtierenden Herrscher Afrikas. Bei der Wahl am Sonntag soll ihn das Volk im Amt bestätigen. Und: 2019 möchte Biya den Africa-Cup eröffnen, auch wenn vielleicht nicht alle Fußballstadien fertig sind.

Schon dass die Präsidentenwahl tatsächlich an diesem Wochenende stattfinden soll, zeugt vom desolaten Zustand des Landes. Eine freie und faire Abstimmung wird es kaum geben können. Im Westen Kameruns boykottieren die Aufständischen die Wahl. Seit Monaten kämpfen sie gegen die Zentralarmee, täglich gibt es Tote, bald dürften 150.000 Kameruner auf der Flucht sein.

Kamerun ist seit der Unabhängigkeit 1960 gespalten – nicht so sehr zwischen Christen und Muslimen, sondern eher zwischen Stadt und Provinz, vor allem aber zwischen der anglofonen Minderheit und der frankofonen Mehrheit. Offiziell sind Englisch und Französisch die Landessprachen, dazu kommen 200 lokale Idiome. In der Praxis, gerade in der Hauptstadt Yaounde, dominiert aber das Französische. Viele Anglofone fordern einen eigenen Staat, im Kampf zwischen den Anhängern dieses „Ambazonien“ genannten Landes und der Zentralregierung sind 2018 über 400 Männer, Frauen und Kinder gestorben. Andere Anglofone favorisieren den Anschluss Westkameruns an Nigeria.

Die Armee ging brutal gegen Dörfer mutmaßlicher Täter vor

Trotz maroder Infrastruktur, verbreiteter Korruption und der Separatisten hat Kamerun anderen Staaten Afrikas gegenüber klare Vorteile. Da wäre der Hafen in Douala, über den auch Waren in die Zentralafrikanische Republik und den Tschad geliefert werden. Zudem bildet Kamerun eine Art politisches Scharnier zwischen dem Norden und dem Süden Afrikas, es grenzt an sechs Länder, weshalb die Regierung bei vielen Entscheidungen auf dem Kontinent nicht übergangen wird. Und Kamerun gilt als „Afrika in Miniatur“, als Land, in dem Wüste, Buschland, Dschungel gleichermaßen vorkommen. Die Bodenbeschaffenheit ist entsprechend vielfältig, Kaffee und Öl werden exportiert.

Trotz großen Potenzials gibt es in vielen Orten keine festen Straßen und fehlen Stromleitungen. Zwei Drittel der Bewohner im anglofonen Westen gelten auch für Kameruner Verhältnisse als arm. Vergleichsweise erfolglos blieben Versuche der Islamisten in Nordkamerun, mit Hilfe der nigerianischen Terrorsekte Boko Haram einen Glaubenskrieg zu entfachen: 2018 sollen Islamisten 90 Anschläge verübt und mehr als 100 Menschen getötet haben. Die Armee ging brutal gegen Dörfer mutmaßlicher Täter vor.

Ein Massenphänomen ist die im Land grassierende Homophobie – Schwule wurden schon gelyncht. Anders als in Nordafrika wiederum sind Fälle von Antisemitismus kaum bekannt. Israels Botschaft, die auch für den Tagesspiegel eine Pressereise nach Kamerun organisierte, ist mit allerlei Entwicklungshilfe im Land aktiv. Israel ist in Kamerun als Partner anerkannt. Und sogar Deutschland, von 1884 bis 1919 Kameruns Kolonialmacht, ist erstaunlich beliebt.

Einen schwereren Stand unter den Ärmeren hat dagegen die einstige Hauptkolonialmacht Frankreich. Paris hilft zum Beispiel der nur mäßig beliebten Armee mit Ausrüstung. An Biyas Wiederwahl zweifelt aber niemand, ein System aus Abhängig- und Gefälligkeiten herrscht nicht nur in seiner Regierungspartei, sondern ist im Staatsapparat verbreitet.

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