Preis-Debatte : Lebensmittel müssen billig sein!

Warum soll man nicht ethisch unbedenkliche Nahrungsmittel subventionieren? Dann können alle preiswert einkaufen, ohne dass jemand leiden muss. Ein Kommentar.

Die Supermarktketten stehen zunehmend in der Kritik.
Die Supermarktketten stehen zunehmend in der Kritik.Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild

Für gewöhnlich tritt die Politik in Aktion, wenn Marktmächtige Preise zulasten der Verbraucher nach oben manipulieren. An diesem Montag ist das Gegenteil das erklärte Ziel: Die Politik tritt in Aktion, weil Marktmächtige Preise drücken. Damit soll Schluss sein. Die Verbraucher sollen es teurer haben.

Was auf den ersten Blick wie ein Versehen wirkt oder geradezu absurd, erklärt sich auf den zweiten schnell. Beim Spitzentreffen im Kanzleramt mit Vertretern aus dem Kabinett und aus der Einzelhandelsbranche soll der Trend zum Billiglebensmittel gestoppt werden.

Billiglebensmittel ist zum feststehenden Terminus im Rang eines Schimpfworts geworden. Es steht für die beinharte Konkurrenz sehr weniger sehr großer Handelsketten, die sich mit rücksichtslosen Dumpingangeboten die Kunden abzujagen trachten. Billiglebensmittel machen außerdem den Erzeugern profitables Wirtschaften unmöglich, sind potenzielle Wegwerfware und damit Müllproblem.

Und dann führen Billiglebensmittel noch zu unhaltbaren Zuständen in Zucht- und Mastbetrieben, an denen die Endverbrauchern schlussendlich eine ideelle Mitschuld tragen.

Soweit zur Begriffsklärung. Die dazugehörigen Parolen sind mehrfach geäußert und unmissverständlich: Ein Kilo Hähnchenfleisch für zwei Euro? „Unanständig“, urteilte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Deutsche Verbraucher: Reden gern von Tierwohl reden, zahlen aber nicht dafür.

Klare Lage

Deutsche Esskultur? Eher investiere man in Motor- als Salatöl (ebenfalls Klöckner). Der Handel: Schuldig, weil seine Dumpingpreise Wertschätzung fürs Nahrungsmittel untergraben. Das klingt nach klarer Lage.

Dennoch: Nicht alle Discounterkunden greifen aus Lifestyle-Geiz zum Angebot. Gerade im Niedriglohnland Deutschland müssen viele Menschen sparsam haushalten. Ihnen jetzt im Namen des gebeutelten Kleinbauern und für mehr Tierwohl den günstigen Hähnchenschenkel vom Kassenband zu nehmen, während von Brüssel aus Jahr um Jahr Subventionsmilliarden an Giga-Betriebe ausgeschüttet werden, die sich um beides ebenfalls nicht sonderlich scheren, will nicht recht zusammenpassen.

„Besser heißt auch teurer“ – muss das sein?

„Besser heißt auch teurer“ hat Julia Klöckner es mal formuliert. Das trifft sicher da zu, wo tierfreundliche Ställe und düngemittelfreie Landwirtschaftsflächen entstehen. Aber an der Kasse müsste das nicht gelten.

Wenn die deutsche Regierung etwas für Bauern, Nutztiere und Kunden tun will, könnte sie sich in Brüssel mit Nachdruck dafür einsetzen, dass die EU-Fördermittel nicht länger zu 70 Prozent nach Flächengröße verteilt werden, sondern der seit Jahren angemahnte Systemwechsel in Gang kommt, und Betriebe großzügig unterstützt werden, die naturnah und tierwohlorientiert produzieren.

Und warum soll man nicht auch direkt zur Subventionierung von ethisch und ökologisch unbedenklichen Nahrungsmitteln greifen? Dann könnten alle preiswert einkaufen, ohne dass jemand leiden muss.

Nicht vielleicht doch besser ein höheres Produktionsniveau?

Als zuletzt unter dem Begriff „Bauernmilliarde“ eine Subventionsspritze für Deutschlands Landwirte beschlossen wurde, um ihnen im Umgang mit der neuen Düngeverordnung zu helfen, gab es daran viel Kritik – von Bauern selbst. Sie wollten nicht immer noch eine finanzielle Hilfeleistung, hieß es, sie wollten Klarheit: Ist hohes Produktionsniveau das Ziel oder Kostenführerschaft für den Weltmarkt, auf dem ein Gutteil der Agrarprodukte landet. Auch hier wäre eine Schraube, an der sich drehen ließe.

Der Handel spielt mit teils drakonischen Geschäftspraktiken und Dumpingpreisen zweifellos eine kritikwürdige Rolle. Und gegen unlauteren Wettbewerb vorzugehen, ist eine wichtige Aufgabe der Politik. Bevor jetzt aber einfach nur höhere Preise verabredet werden, sollte klar sein, wer davon profitiert.

Denn zuguterletzt hängt gar der tapfer haltende soziale Friede im Land mit daran, dass man sich auch vom schmalen Geld immer noch relativ viel leisten kann.

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