Pressefreiheit : Die Spannweite der Gedanken

Das deutsche PEN-Zentrum ehrt die ägyptische Journalistin Lina Attalah für ihre Unerschrockenheit. Ein Porträt.

Chefredakteurin von "Mada Masr" in Kairo. Lina Attalah.
Chefredakteurin von "Mada Masr" in Kairo. Lina Attalah.Foto: Twitter

Die Freiheit der öffentlichen Rede ist unteilbar. Von daher gehört es auch zu den Aufgaben demokratischer Länder, immer wieder von Neuem darüber nachzudenken, wo diese beschnitten werden könnte. Zwischen dem fatalen Zusammenspiel rechter Visionen einer angeblich subtil gleichgeschalteten Presse, die jede unorthodoxe Meinung sofort exkommuniziert, und einer linken Empfindlichkeit, die im Schatten der Mehrheitsgesellschaft überall nur Diskriminierung wittert, ist es aber heilsam, den Blick dorthin zu richten, wo offensichtliche Unterdrückung stattfindet.

Zum Beispiel nach Ägypten, wo es jeden Tag mit Gefahren für Leib und Leben verbunden ist, seine journalistische Pflicht zu tun. 2013, im Jahr des Militärputschs des bis heute amtierenden Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi, gründete Lina Attalah dort zusammen mit Gleichgesinnten die unabhängige Online-Zeitung „Mada Masr“ (madamasr.com).

Auf Arabisch und Englisch bekommt man Informationen, die in den meisten anderen ägyptischen Medien unterschlagen werden. Das Wort „Mada“ – es steht für uneingeschränkte Spannweite – ist dabei Programm. Wobei man ohne VPN auf dem Computer innerhalb Ägyptens allerdings kaum Zugang erlangt: Die Seite wird seit drei Jahren blockiert.

Führende Stimme ihrer Generation

Die 1983 geborene Lina Attalah, die unter anderem an der American University of Cairo Journalismus studierte und fließend Englisch spricht, hat sich davon nicht entmutigen lassen. Auch deshalb wird sie als eine führende Stimme ihrer Generation jetzt mit dem Hermann-Kesten-Förderpreis des deutschen PEN-Zentrums ausgezeichnet. (Der Hauptpreis geht an Günter Wallraff.) Jede Art von internationaler Aufmerksamkeit kommt überdies ihrem eigenen Schutz zugute – auch wenn knapp 50000 Follower auf Twitter schon merken würden, wenn sie einfach vom Radar verschwände.

Nach einer Redaktionsrazzia wegen eines Berichts über al-Sisis Sohn Mahmoud wurde Attalah im November 2019 kurzzeitig von Sicherheitsdiensten in Haft genommen. Erst ist im Juni wurde sie vor dem Hochsicherheitsgefängnis Tora in Kairo erneut festgenommen und kam nach langen Schikanen nur durch Zahlung einer Kaution frei. Sie hatte Laila Soueif interviewt, die Mutter des immer wieder inhaftierten und schwer misshandelten Bloggers Alaa Abd el-Fattah, nachdem diese ihrem Sohn in Tora vergeblich Medikamente zu überbringen versucht hatte.

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