Presseschau zu Tod von iranischem General : „Soleimani war kein Unschuldiger“

Soleimani war kein unschuldiges Opfer, so das Presse-Echo – ganz im Gegenteil. Dennoch käme sein Tod sowohl Washington als auch Teheran politisch gelegen.

Bildnis des getöteten iranischen Generals Qassem Soleimani bei einer Trauerprozession im Iran.
Bildnis des getöteten iranischen Generals Qassem Soleimani bei einer Trauerprozession im Iran.Foto: VIA REUTERS

Der iranische General Qassem Soleimani ist von einer US-amerikanischen Drohne getötet worden. Der Angriff und dessen mögliche Folgen beschäftigen Medien in aller Welt. Eine kleine Presseschau.

Mehr zum Thema

  • „Washington Post“ (USA): Tötung Soleimanis hat unvorhersehbare Folgen

    Die „Washington Post“ schreibt am Samstag zur Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani durch einen US-Angriff: Soleimani war ein unerbittlicher Feind der Vereinigten Staaten und verantwortlich für den Tod hunderter Amerikaner sowie für unzählige Gräueltaten im Irak, in Syrien, im Libanon und anderswo. Sein Tod bei einem Drohnenangriff wurde am Freitag von US-Verbündeten und fortschrittlichen Kräften in der gesamten Region begrüßt, von Israelis und Saudis bis zu den reformorientierten Demonstranten in Beirut und Bagdad. Dies bedeutet aber nicht, dass die Entscheidung von Präsident Trump, ihn zu töten, klug war oder dass dies letztendlich den Interessen der USA nutzen wird. Die Konsequenzen des Schlages sind unvorhersehbar, aber das Risiko, dass die USA tiefer in den Mittleren Osten und dessen Konflikte hineingezogen werden, ist nicht zu leugnen.“

  • „Le Figaro“ (Frankreich): Versteht Trump die Komplexität dieser Schachpartie?

    Die konservative französische Tageszeitung „Le Figaro“ kommentiert am Samstag die Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani durch einen US-Luftangriff:

    „Der Westen wird über ihn (Soleimani) keine Krokodilstränen vergießen. Aber man wäre gern sicher, dass (US-Präsident) Donald Trump die Komplexität der Schachpartie versteht, auf die er sich eingelassen hat. Kühnheit oder Leichtsinn eines Mannes, der nur seinen „Instinkten“ vertraut? Tatsache ist, dass weder (der frühere US-Präsident) Bush, noch (Trumps Amtsvorgänger Barack) Obama, nicht mal (der israelische Regierungschef Benjamin) Netanjahu diesen Schritt gewagt hatten.

    In Schlüsselmomenten, in denen sich manchmal das Leben von Millionen Menschen entscheidet, ist es gut, Fehler in der Kalkulation zu identifizieren, die man noch korrigieren kann. Die Iraner haben den Widerwillen Trumps gegenüber einer militärischen Antwort auf ihre Provokationen überschätzt, seine vermeintlich auf das Amtsenthebungsverfahren zurückzuführende politische Schwäche, sogar seine Wahl-Besessenheit. Der amerikanische Präsident setzt seinerseits vielleicht zu sehr auf den Abschreckungseffekt seines Pokerspiels und die innere Fragilität der iranischen Macht, gespeist aus sozialer Unruhe und den internationalen Sanktionen. Ist noch Zeit, die Explosion zu verhindern, oder hat Trump - nach den Worten von (dem Ex-US-Vizepräsidenten und demokratischen Präsidentschaftsbewerber) Joe Biden - „eine Stange Dynamit in ein Pulverfass geworfen“?“

  • „The Times“ (Großbritannien): „Soleimanis Tod bei einem US-Luftangriff auf Befehl von Präsident Trump ist eine dramatische Eskalation der verfahrenen Lage zwischen dem Iran und den USA. Die beste Rechtfertigung für die Tötung einer so prominenten Gestalt lautet, dass damit ein aggressives Regimes stärker gezügelt wird. Jedoch besteht die Gefahr, dass sie stattdessen zu Vergeltungsakten führt und die Unterstützung für das Mullah-Regime im Inland anheizt.“

  • The Guardian“ (Großbritannien): „Das Atomabkommen mit dem Iran, das europäische Diplomaten am Leben zu erhalten versuchten, nachdem die USA sich 2018 davon abgewandt hatten, dürfte nun kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Die größte Gefahr ist jedoch jene, die schon die US-Präsidenten George W. Bush und Barack Obama fürchteten: ein neuer Krieg im Nahen Osten, diesmal mit Trumps Amerika als Hauptprotagonisten. Teheran hat große Erfahrung mit asymmetrischer Kriegsführung und berechnet exakt die Folgen seiner Provokationen und Schandtaten. Doch eine Fehlkalkulation eines zunehmend bedrängten Regimes könnte zum Ausbruch eines ungezügelten Konflikts führen und andere regionale Akteure, wie Israel, mit hineinziehen.

  • „La Repubblica“ (Italien): „General Soleimani hielt sich für unverwundbar. Niemand würde einen Anschlag auf ihn wagen. (...) Noch mehr als unantastbar war er Nationalheld, ein Mann der Macht, der die iranischen Streitkräfte im Irak, in Syrien und im Libanon manövrierte. (...) Donald Trump beschloss, ihn trotzdem zu töten. (...) Trump liebt spektakuläre Gesten. Aber denkt er auch an die Konsequenzen? Das Attentat wird mit aller Wahrscheinlichkeit Terror in verschiedenen Ecken der Welt gegen US-Bürger lostreten.“

  • „De Standaard“ (Belgien): „Für Teheran ist der patriotische Tumult nach dem Tod des gefallenen Helden eine willkommene Ablenkung von den Straßenprotesten aus Unzufriedenheit über die von Sanktionen gebeutelte Wirtschaft. Gleichzeitig ist die Eliminierung Soleimanis, de facto der Nummer zwei des Regimes, ein schwerer Schlag. (...) Der Iran kann keinen direkten Krieg mit dem amerikanischen Teufel gewinnen, aber die Androhung von Vergeltungsmaßnahmen gegen amerikanische Ziele in der Region oder anderswo ist glaubwürdig.“ 

  • „De Telegraaf“ (Niederlande): „Die Eliminierung Soleimanis hat einen interessanten „Beifang“ für US-Präsident Trump zur Folge: Das orientierungslose Europa wird endlich Partei ergreifen müssen. Und es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass dann der amerikanische Verbündete gewählt werden wird. Der Iran ist seit Jahren ein internationaler Paria und der Anführer der Al-Kuds-Brigaden war der gnadenlose Dirigent dieses Elitekorps, das immer wieder das Feuer im Nahen Osten entfacht hat.“

  • Tages-Anzeiger“ (Schweiz): „Ohne Zweifel hat Soleimani viel Blut an den Händen, nur dank ihm ist in Syrien Diktator Baschar al-Assad noch an der Macht. (...) Soleimani (...) gehörte zum innersten Machtzirkel einer stolzen, jahrhundertealten Nation, der viel daran liegt, ihr Gesicht zu wahren. Genau deshalb haben Trumps Vorgänger George W. Bush und Barack Obama davon abgesehen, Soleimani töten zu lassen: Sie fürchteten einen neuen großen Krieg am Golf. Donald Trump lässt solches Augenmaß vermissen. Mit der Folge, dass er das Risiko einer Eskalation nicht mehr kontrollieren kann.“

  • NZZ“ (Schweiz): „Wenn US-Präsident Donald Trump glaubt, damit Teheran zu mehr Zurückhaltung zwingen zu können, dürfte er sich geirrt haben. Im Gegenteil droht der amerikanische Drohnenangriff am Flughafen von Bagdad zum sprichwörtlichen Funken im Pulverfass zu werden, der die ganze Region in Brand setzt. (...) Nach der Tötung Soleimanis bleibt der Führung in Teheran gar keine andere Wahl, als hart zu reagieren, will sie ihren Einfluss in der Region bewahren.“ 

  • „Rzeczpospolita“ (Polen): „Die Tötung des Anführers der iranischen Al-Kuds-Brigaden, General Qassem Soleimani, durch die Amerikaner wird die Weltpolitik das ganze, gerade begonnene Jahr über dominieren - vielleicht sogar noch länger. Vor allem in den USA, wo es schien, dass die Wiederwahl von Donald Trump vom Verlauf des Impeachment-Verfahrens und dem Zustand der Wirtschaft abhängen wird. Jetzt kann der US-Präsident auf den klassischen Mechanismus zählen, dass sich das ganze Volk in Zeiten eines ernsten internationalen Konflikts vereint hinter seinem Staatschef scharrt. Das steigert seine Chancen auf einen Sieg im Kampf um das Weiße Haus enorm.“ 

  • „Magyar Nemzet“ (Ungarn): „Trump (...) blickt auf den Kalender und sieht, dass dieses Jahr von der Präsidentenwahl handelt. Würde er sich mit dem Iran in der Nuklearfrage einigen, brächte ihm das rein gar nichts. (...) Soleimani war gewiss keine bösartigere Figur als viele andere. Der Iran versucht die Situation auszunutzen, einem Donald Trump wiederum wird vielleicht gerade das vier weitere Jahre im Weißen Haus bescheren.“ (dpa)
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