Professor oder nicht? : Titelstreit um AfD-Europakandidat Gunnar Beck

Der AfD-Europakandidat Beck soll seinen Professorentitel zu Unrecht tragen. Der bestreitet das. Doch der Vorwurf kommt für die AfD zur Unzeit.

AfD-Kandidat Gunnar Beck.
AfD-Kandidat Gunnar Beck.Foto: dpa

Vor der Europawahl produziert die AfD fleißig Werbevideos für ihre Kandidaten. Anfang Mai geht eine Aufnahme mit Gunnar Beck online, der auf Platz zehn der AfD-Europawahlliste steht. „Herr Professor Beck, Sie sind Fachanwalt für EU-Recht in London und waren aber auch schon Sachverständiger und Rechtsberater für die AfD“, sagt der Moderator. Die Kamera zoomt näher an Beck heran. Mit seinen leicht abstehenden Haaren, der schwarzen Brille und seinem karierten Sakko entspricht er tatsächlich sehr dem Klischee eines Professors. „Sie sind so etwas wie der Glücksfall für die Partei“, befindet der Moderator. Beck lächelt zurückhaltend. „Das Urteil überlasse ich Ihnen.“

Tatsächlich ist Beck derzeit für die AfD eher kein Glücksfall. Es steht der Vorwurf im Raum, Beck trage seinen Professorentitel zu Unrecht. Erst berichtete der „Verfassungsblog“, dann griff der Deutschlandfunk die Geschichte groß auf. Beck unterrichtet EU-Recht und Rechtstheorie an der School of Oriental and African Studies, die zur University of London gehört. Die Hochschule führt ihn als „Reader in law“. Daraus lasse sich, so der Vorwurf, kein Professorentitel ableiten. Zudem bezeichne sich Beck als „Fachanwalt für Europarecht“ – diese Bezeichnung gebe es nach deutschem Recht nicht.

AfD-Vize: „Hier wird etwas aufgebauscht“

In der Bundesgeschäftsstelle der Partei herrscht Aufregung. Auf den Wahlunterlagen steht Beck als „Prof. Dr.“ – das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Der 53-Jährige weist die Vorwürfe allerdings zurück. „Ich habe juristisch einwandfrei und inhaltlich richtig gehandelt“, erklärt er. Die Verwaltung der renommierten Universität Oxford definiere die Berufsbezeichnung „Reader“ als eine Position zwischen einem Professor mit Lehrstuhl und einem Associate Professor, was einem außerordentlichen Professor oder Professor ohne Lehrstuhl entspreche. Viele britische Universitäten hätten die Berufsbezeichnung „Reader“ mittlerweile durch die Bezeichnungen „Associate Professor“ oder „Professor“ ersetzt.

Und wenn er als Berufstätigkeit Fach- bzw. Prozessanwalt für EU-Recht angegeben habe, „ist diese Übersetzung zutreffend“. Es sei stets offensichtlich gewesen, dass er in Großbritannien arbeite. Auch AfD-Vize Georg Pazderski beschwert sich: „Hier wird etwas aufgebauscht.“ Klar ist aber: Laut Hochschulgesetz des Landes NRW dürfen akademische Grade europäischer Hochschulen nur in der „verliehenen“ Form geführt werden und nicht in einen „inländischen Grad“ umgewandelt werden.

Spendenaffäre kommt bei Anhängern schlecht an

Für die AfD kommt die Diskussion um Beck zur Unzeit. Die Umfragewerte zur Europawahl sind zwar zuletzt leicht gestiegen, lagen aber lange bei um die zehn Prozent. Und ein Ergebnis von unter zehn Prozent wäre eine Niederlage für die AfD. Beim Spitzenpersonal der Partei hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Diskussion um einen Dexit, einen EU-Austritt Deutschlands, geschadet habe.

Dazu kommt: Während viele rechte Entgleisungen die Anhänger der AfD wenig stören oder ihr die Berichterstattung über Tabubrüche sogar nutzt, schaden der Partei dagegen Affären an anderer Front. So stören sich laut einer Umfrage, die die AfD selbst in Auftrag gegeben hat, 45 Prozent der AfD-affinen Wähler an der Spendenaffäre. Zuletzt kam die Nachricht, dass die Partei in dieser Sache 400 000 Euro Strafe zahlen soll, sich aber wehrt.

Und das ist nicht die einzige Affäre, mit der die AfD in den letzten Jahren zu kämpfen hatte. Da war etwa die Schnittchenaffäre, öffentlich gemacht durch die „Bild“. Demnach hatte die AfD von Steuergeldern Schnittchen für mehrere Zehntausend Euro bestellt – als Catering während der Fraktionssitzungen. Das mag trivial erscheinen, kam aber bei den AfD-Anhängern gar nicht gut an. Zudem wurden bei der AfD-Fraktion große Probleme mit der internen Finanzverwaltung öffentlich.

Interne Grabenkriege finden nicht mehr so offen statt

Dann war da die Aufregung um Doris von Sayn-Wittgenstein, in der Partei oft nur „die Fürstin“ genannt. Fast wäre sie Parteichefin geworden, danach stand die Frage im Raum: Wie ist sie zu ihrem Adelsnamen gekommen? Geboren wurde sie als Doris Ulrich und aus einer Ehe stammt der Name nicht. Es gibt also handfeste Zweifel an ihrem blauen Blut. Mittlerweile interessiert den Parteivorstand aber vor allem, wie er „die Fürstin“ endlich loswerden kann – sie soll unter anderem den Holocaust geleugnet haben.

Erinnert sei auch an den Bundestagswahlkampf 2017. Damals präsentierte Niedersachsens AfD zwei Schreiben, die von der Landeswahlleiterin stammen sollten. Beide erwiesen sich als gefälscht. Der Ex-Landesschriftführer der niedersächsischen AfD hat einen Strafbefehl wegen Urkundenfälschung akzeptiert.

Lange trug die AfD auch ihre internen Grabenkriege öffentlich aus. Seit dem Austritt von Ex-Parteichefin Frauke Petry hat das aber stark abgenommen – Streitereien werden jetzt stärker unter der Decke gehalten. Dass es etwa Ende vergangener Woche in der Fraktion ordentlich krachte wegen eines von einzelnen Abgeordneten organisierten rechten Blogger-Treffens, drang trotzdem nach außen. Auch der Hochschullehrer Beck wird sich von seinen Parteifreunden einige Fragen gefallen lassen müssen.

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