Proteste gegen Ministerpräsidentenwahl in Thüringen : Eine kurze Belagerung in Erfurt

Die Protestbewegung gegen die Wahl Thomas Kemmerichs begann sich gerade zu organisieren – da war sie schon wieder unnötig

Campen gegen Kemmerich. Das Protestzeltlager vor Erfurts Staatskanzlei.
Campen gegen Kemmerich. Das Protestzeltlager vor Erfurts Staatskanzlei.Foto: Martin Schutt/dpa

Die Kemmerich-Protestler erkennen einander auf dem Weg in die Erfurter Innenstadt. Vom Hauptbahnhof laufen vor allem junge Menschen, die Augen aufs Smartphone geheftet, den Anger entlang. Ihr Ziel: die Thüringer Staatskanzlei. „Erfurt ist heute the place to be“, sagt einer, der erzählt, dass er aus Sachsen angereist ist, einen wiederverwendbaren Kaffeebecher in der Handschuhhand.

400 Menschen haben sich um 12.30 Uhr auf dem Vorplatz der barocken Regierungszentrale versammelt. Eine Straße trennt sie vom Eingang, einer braunen Eichentür. Aus der Menge ragen Schilder heraus, „Wir wollen Neuwahlen“, „FDP = Faschos Dankbarer Partner“. Der Schlachtruf des Tages: „Kemmerich, schäm dich!“ Und danach: „Rücktritt, Rücktritt.“

Eine Mahnwache und ein Protestzeltlager wurden angemeldet, „Campen gegen Kemmerich“. Ein grünes und ein orangefarbenes Zelt sind aufgebaut, um eine knorrige Linde liegen Schlafsäcke, Teekannen, angebrochene Baguettes. Eine goldene Isolierfolie flattert im Wind. Die Zeichen stehen auf Belagerung. Eine Belagerung, die in den Mittagsstunden begann, in denen in Erfurt schon wieder bundesdeutsche Politikgeschichte geschrieben wird. Und die wenig später, wegen der Vorgänge nur ein paar Meter weiter, in der Staatskanzlei, schon wieder unnötig ist.

„Das war kein Anstand“

Der ehemalige Thüringer Minister Georg Maier stellt sich mit den Worten vor: „Bis gestern war ich Innenminister.“ Eine Schülerin erzählt von ihrer geschwänzten Kunststunde, eine Frau vom Bündnis „Omas gegen Rechts“ ruft ins Mikrofon: „Wir werden die Gretas von Erfurt.“ Sabrina Schulz, 38 Jahre alt, sagt über den Tag zuvor: „Ich habe mit den Tränen gekämpft. Es fühlt sich an wie ein persönlicher Schicksalsschlag.“ Lara, 19, in Jena um 8.30 Uhr in den Zug gestiegen, eingepackt in Wollschal und Decke: „Wir wollen bleiben, bis Kemmerich geht.“

Eine Stunde nach dem Start der Mahnwache leert sich der Platz, etwa hundert Menschen harren aus, dann sickert durch, dass Kemmerich um 14 Uhr eine Pressekonferenz drinnen in der Kanzlei abhalten wird. In der Eingangshalle wird es hektisch, eine Mitarbeiterin des Kanzlei-Presse-Teams ruft: „Können die draußen ihre Musik leiser machen?“ Ein Sicherheitsmann sagt: Kemmerich „ist gestern grußlos rein, das war kein Anstand.“ Dann kommt Kemmerich die Treppe herunter, tritt ans Pult und verkündet, was mit einigen Sekunden Verspätung auf dem Vorplatz aus dort hingebrachten Boxen schallt: Rücktritt. Jubel dringt in die Regierungszentrale. Als Kemmerich vom „perfiden Trick der AfD“ spricht, bricht hämisches Gelächter aus.

Lara, die 19-Jährige dort draußen, findet den Rücktritt „krass“. Vorhin habe ihr noch jemand zugerufen: Wenn ihr so lange bleiben wollt, bis der zurücktritt, müsst ihr fünf Jahre hier warten. Und Marvin schnappt sich ein Megafon und brüllt: „Kemmerich ist zurückgetreten, weil wir auf die Straße gegangen sind!“ Seine Hände zittern vor Aufregung.

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