Warum ist die Fahndung trotz Millionensummen so erfolglos?

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RAF - die dritte Generation : Die Mörder von Alfred Herrhausen wurden nie gefasst

Haule, Hogefeld und Happe haben eine klassische RAF-Biografie. Haule studiert jahrelang und lustlos Sozialwesen in Reutlingen und Sozialpädagogik in Berlin, betreut den inhaftierten RAF-Terroristen Christian Klar und taucht 1984 selber zu den Illegalen ab. Vor ihrem Gang in die Illegalität lebt sie von Sozialhilfe.

Hogefeld studiert Jura, jobbt dann aber als Orgellehrerin. Auch sie betreut ein inhaftiertes RAF-Mitglied. 1984 geht sie mit ihrem Freund Wolfgang Grams in die Illegalität. Beide sind ganz wesentlich am Aufbau der dritten Generation beteiligt.

Manuela Happe und Eva Haule lernen sich in Berlin kennen, in der linksradikalen Szene. Haule und Hogefeld werden später jeweils zu lebenslanger Haft verurteilt. Haule kommt 2007 frei, nach 21 Jahren Haft. Als sie das Gefängnis verlässt, ist sie 53 Jahre alt. Hogefeld muss 18 Jahre absitzen, 2011 darf sie in Freiheit, als 55-jährige Frau. Manuela Happe wird zu 15 Jahren Haft verurteilt; sie darf 1995, nach elf Jahren im Gefängnis, wieder in die Freiheit.

Das ist die juristische Bilanz der Fahndung nach der letzten RAF-Generation. Aber warum nur ist der deutsche Fahndungsapparat trotz größten Personaleinsatzes, trotz Millionensummen für die Fahndung, trotz seiner High-Tech-Methoden so erfolglos?

In einem Karlsruher Reihenhaus sitzt ein älterer Mann mit markantem weißen Bart und sagt, Resignation in der Stimme: „Diese Leute haben die Fehler ihrer Vorgänger vermieden. Die haben sehr genau zugehört, als in den Prozessen gegen Mitglieder der zweiten Generation die Fahndungsmethoden der Polizei zur Sprache gekommen sind.“ Rainer Griesbaum war jahrelang Bundesanwalt, er war in die Ermittlungen im Fall Herrhausen eingebunden, er war führend bei der Jagd nach der dritten Generation der RAF. Jetzt ist er 66 Jahre alt und seit Ende 2013 im Ruhestand. Aber das Thema lässt ihn nicht los.

Die Rasterfahndung hatte dem Bundeskriminalamt (BKA) noch bei der Jagd nach Mitgliedern der zweiten Generation geholfen. Die Polizei identifizierte eine Systematik bei der RAF: Die Terroristen mieteten Wohnungen in Hochhäusern, sie zahlten Miete, Strom und Wasser in bar, sie fuhren Autos mit gefälschten Kennzeichen. Und, natürlich: Sie hinterließen auch noch massenhaft Fingerabdrücke.

Die dritte Generation hat aus den Fehlern ihrer Vorgänger gelernt

Die Mitglieder der dritten Generation lebten dagegen im Land wie ganz normale Bürger. „Völlig unauffällig“, sagt Griesbaum. Diese RAF-Leute bewegten sich nahezu ausschließlich in Zügen, ausgestattet mit Bahncards. Das konnte man später anhand von Gepäckstücken nachweisen, die Grams und Hogefeld gehörten. Sympathisanten mieteten Wohnungen für die Illegalen, die hinterließen auch keine Fingerabdrücke. Nur eine RAF-Unterkunft der dritten Generation flog auf, ein Zimmer, entdeckt 1985 in Tübingen. Eine Frau, der Name ist bis heute unbekannt, hatte das Zimmer von einer Studentin gemietet, die es am schwarzen Brett der Uni anbot, weil sie eine Zeitlang ins Ausland ging. Aber das Zimmer blieb auf die Studentin angemeldet. Die Miete wurde ihr aufs Konto überwiesen.

Weil die RAF nicht fassbar war, umwehte sie zunehmend ein seltsamer Mythos. Und in dieser Atmosphäre entwickelte sich eine abenteuerliche Theorie. 1992 erschien das Buch „Das RAF-Phantom“ mit der Kernaussage, die dritte Generation der RAF habe nie existiert. Vielmehr hätten deutsche Geheimdienste seit 1984 die Anschläge verübt.

Eine völlig abstruse These. Birgit Hogefeld hat dazu nach ihrer Festnahme lapidar erklärt: „In den linksradikalen Zusammenhängen hatte dieser Unsinn nie eine Bedeutung.“ Auch Griesbaum kommentiert: „Blödsinn.“ Erheblich deutlicher formulierte Eva Haule 2007 in einem Leserbrief an die „Junge Welt“: „Hier noch mal klipp und klar: die RAF war verantwortlich u.a. für die Aktionen gegen Alfred Herrhausen, Gerold von Braunmühl und Detlev Rohwedder.“ Den Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt von Braunmühl erschossen zwei RAF-Mitglieder am 10. Oktober 1986 vor seiner Haustür. Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder starb 1991, als er kurz vor Mitternacht gerade ins Bett gehen wollte. Ein Scharfschütze der RAF tötete ihn aus 63 Meter Entfernung. Der Mörder saß auf einem Gartenstuhl in einem Schrebergarten.

Es gibt derzeit keine neuen Erkenntnisse

Im November 2013 treffen sich Bundesanwälte und Kripoleute beim BKA zu einer großen Besprechung. Thema ist die Bilanz der Fahndung nach der RAF. Griesbaum ist dabei, ein paar Tage noch, bis er in den Ruhestand tritt. „Die bittere Erkenntnis lautete: Wir haben alle Ermittlungsansätze abgearbeitet, es gibt derzeit keine neuen Erkenntnisse“, sagt er.

1998 erklärt die RAF ihre Selbstauflösung, das achtseitige Papier wird an Presseagenturen geschickt. 2007 untersucht das BKA mit neuesten Methoden sogar noch die Briefumschläge, in denen die Erklärung verschickt worden ist. Vielleicht, so lautetet die Hoffnung, findet man nachträglich noch eine DNA-Spur. Und? Was wurde gefunden? „Nichts“, sagt Griesbaum.

DNA-Spuren, die mit den jetzigen Methoden noch nicht aufzuspüren sind, das ist die einzige Hoffnung, die Griesbaum und das BKA noch haben. Sonstige kriminaltechnische Spuren zu den RAF-Leuten gibt es nicht.

In einem Weinlokal in Stuttgart sitzt Klaus Pflieger vor einem Glas Mineralwasser. Pflieger war ebenfalls Mitglied der Bundesanwaltschaft, er hat den Prozess gegen Eva Haule geführt, er hat ebenfalls RAF-Mitglieder gejagt. Auch er ist jetzt im Ruhestand, ein Mann mit ergrauten Haaren und gediegenem Auftreten. Pflieger faltet die Hände und sagt mit einem Anflug von Frust: „Früher hatten wir noch Stimmproben zum Vergleich.“ RAF-Mitglieder der zweiten Generation hatten 1977 ihre Gespräche mit dem entführten Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer auf Tonband aufgenommen. „Und Vergleiche von Schreibmaschinen, wie noch bei der zweiten Generation, gab es später auch nicht mehr“, sagt Pflieger. Die RAF der dritten Generation tippt auf die Tasten von Computern.

Eva Haule wurde eine Schreibmaschine zum Verhängnis

Nur Eva Haule wird noch eine Schreibmaschine zum Verhängnis. Die steht in ihrer Zelle, auf ihren Tasten hat sie einen Kassiber mit Angaben zum Airbase-Anschlag an Manuela Happe getippt. Die Zettel fallen bei einer Routinedurchsuchung aus einem Wäschekorb. Experten beweisen, dass die Nachrichten auf Haules Schreibmaschine entstanden sind. „Zu 99 Prozent basierte darauf ihre Verurteilung“, sagt Pflieger.

Verhaftet wird Haule allerdings nicht durch klassische Ermittlungen. Stattdessen wird sie ganz banal Opfer eines misstrauischen Mannes. Der ist bei der Polizei als „Oberverdachtsschöpfer“ eingestuft, und an einem Samstag im August 1986 teilt er Beamten in Rüsselsheim mit, dass im Eiscafe „Dolomiti“ drei Personen sitzen, die sich verdächtig benehmen. Die Polizei kommt und stellt unverhofft fest, dass ihr gerade Eva Haule und zwei Mitglieder der „Kämpfenden Einheit“ ins Netz gegangen sind. Mitglieder der „Kämpfenden Einheit“ stammen aus dem Unterstützerbereich der RAF.

Haules Festnahme ist Zufall. Die klassischen Fahndungsmethoden dagegen laufen ins Leere. „Die Frage der Ermittler war ja immer: Weshalb haben wir nur rudimentär verwertbare Spuren gefunden?“, sagt Griesbaum.

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