Raumfahrt : Kosmopoliten - über allen Grenzen

Eine Amerikanerin, ein Russe, ein Deutscher fliegen von der Schwerkraft befreit durchs All. Darin liegt viel Symbolik - und ganz praktischer Nutzen. Ein Kommentar.

Sojus MS-09 mit drei Astronauten an Bord hebt am Mittwoch vom Kosmodrom im kasachischen Baikonur ab.
Sojus MS-09 mit drei Astronauten an Bord hebt am Mittwoch vom Kosmodrom im kasachischen Baikonur ab.Foto: Shamil Zhumatov/Reuters

Auf sechs Kubikmetern halten es gerade ein russischer Kampfpilot, eine US-amerikanische Ärztin und ein deutscher Vulkanologe zusammen aus. Bis sie am Freitagnachmittag an der Internationalen Raumstation andocken. Was ein gemeinsames Ziel Menschen möglich macht.

Eingekapselte Körper, weites Denken – auf der Erde geht es gerade vielerorts in die andere Richtung. Die Besatzung der Sojusrakete fliegt also einem Trend davon. An Bord befinden sich drei Kosmopoliten. Dazu sind sie einfach geworden. Nicht ideologisch, ganz praktisch. Zweieinhalb Jahre haben sie sich vorbereitet, sich aufeinander abgestimmt und verstehen sich, ja müssen sich so gut verstehen, dass sie sich notfalls gegenseitig retten können.

Auf der ISS sind sie befreit von der Schwerkraft, und auch das ist nicht von dieser Welt, wo derzeit so viele Gedanken schwer geworden sind und nicht weit kommen. Manche fallen an Ort und Stelle wieder runter. Ein Russe, eine Amerikanerin und ein Deutscher kommen forschend weiter. Im Herbst wird Alexander Gerst das Kommando auf der ISS übernehmen. Als erster Deutscher – aber was heißt das schon? Dass ein Deutscher wieder einmal auf dem Weg ins All ist, hat vor allem ein paar nette und nützliche Konsequenzen, etwa dass er der deutschen Fußball-Nationalelf von oben zu Siegen bei der WM gratulieren könnte. Oder – ein bisschen wichtiger – Zuschauern der „Sendung mit der Maus“ noch etwas mehr als die Welt erklären kann. Auch als Idol.

Die Mission der ISS trägt diesmal den Titel Horizonte. Weil es darum geht, wieder einmal darüber hinaus zu schauen, zu planen, zu forschen. Nichts liegt derzeit vielen politischen Debatten ferner, in denen es um Grenzen und Grenzsicherung geht. Schon der Begriff grenzenlos scheint allmählich unter Beschuss zu geraten. Die Menschheit könnte doch eigentlich viel weiter sein, als es der Zeitgeist gerade vorgibt. Und vielleicht kann diese Mission der ISS sie daran erinnern. Alexander Gerst ist dafür der beste Botschafter, wenn er sagt, dass seine Heimat die Erde sei.

Globale Probleme erfordern universelle Lösungen

Der Blick aus dem Weltraum auf die Erde löst zwar keine Verteilungsfragen, keine Konflikte um Ressourcen und beendet keine Kriege. Aber er verdeutlicht, dass Wolken, Abgase, Epidemien nicht an Grenzen haltmachen. Globale Probleme erfordern universelle Lösungen, und die ISS leistet einen Beitrag, aus dem Universum solche Lösungen zu finden. Auch diesmal werden Experimente in der Raumstation sich Fragen stellen wie: Was hilft gegen schwere Krankheiten? Der Ursache von Schlaganfällen soll auf die Spur gekommen werden, Immunzellen besser erforscht werden.

Dort oben zählt, was funktioniert

An vielen Versuchen hat auch die Industrie größtes Interesse und arbeitet daher an einer privaten Raumfahrt. Dafür investiert sie Milliarden. Dennoch werden Staaten hoffentlich weiter über Grenzen hinweg Missionen ins All aufstellen. An dieses Symbol der Zusammenarbeit muss man kein Preisschild hängen, sie ist unbezahlbar. Oben im Weltraum zählt, was funktioniert. Und was funktioniert, hängt von Gesetzmäßigkeiten ab. Es ist ein sehr zweckmäßiges Leben, aber eines, das sich an wissenschaftliche Erkenntnisse, an Fakten hält, und neue mitbringt. Hier unten kann jeder dann selbst entscheiden, was er daraus macht. Am Boden der Tatsachen.

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