Rechte und Linke in Deutschland : An ihren Ausreden sollt ihr sie erkennen

Die Rechten rufen "Lügenpresse", die Linken "Facebook". Stets versuchen dunkle, durchtriebene Mächte die Realität zu manipulieren. Das ist politisch infantil. Ein Kommentar.

Ich sehe dunkle, durchtriebene Mächte...
Ich sehe dunkle, durchtriebene Mächte...Foto: iStock

Wer Dinge zusammendenkt, vergleicht oft Äpfel mit Birnen. Das ist aber nicht schlimm, weil beides Obst ist. Äpfel und Birnen haben viel mehr Gemeinsamkeiten als etwa Äpfel und Schrauben oder Birnen und Zahnpasta. Der Prolog muss sein, denn Analogien stehen in Deutschland grundsätzlich unter Unsinns- oder Demagogieverdacht.

 In einem Punkt ähneln sich Linke und Rechte derzeit sehr: Sie stilisieren sich als Opfer dunkler, durchtriebener Mächte. Die Gegenseite ist jeweils mächtig und verschlagen, arbeitet mit üblen Tricks und fiesen Manövern. Daraus resultiert die eigene Schwäche. Ginge es fair zu auf der Welt, wäre man selbst viel stärker, der Gegner viel schwächer.

 Die magischen Worte im rechten politischen Spektrum heißen „Meinungsfreiheit“ und „Lügenpresse“. Man dürfe nicht alles sagen, Themen würden tabuisiert, Ansichten unterdrückt. Eine linksgrünversiffte Elite betreibe einen PC-Terror (political correctness). Regierung und Mainstream-Medien steckten unter einer Decke. Diese Legende lebt fort, obwohl mit der AfD eine ziemlich rechte Partei im Parlament sitzt, deren Vertreter zu Interviews gebeten und in Talkshows eingeladen werden, obwohl es diverse rechte Verlage und Publikationen gibt, und obwohl sämtliche Zeitungsseiten der Republik voll sind mit Berichten über die Flüchtlingspolitik, den Islam, die Integration, das Verhältnis Deutschlands zur Europäischen Union. All das sind Themen, von denen die Rechte behauptet, sie würden tabuisiert.

Wäre Trump nicht auch ohne Facebook gewählt worden?

 Die magischen Worte im linken politischen Spektrum heißen „abgehängt“ und „Manipulation“. Die Russen und Facebook hätten die US-Wahlen manipuliert, rechte, weiße, alte Männer säßen in Filterblasen, in die kein Quäntchen Vernunft mehr eindringe. Außerdem gäbe es einen direkten Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und übersteigertem Nationalismus. Aus arm werde extrem. Nun ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Briten mehrheitlich für den Brexit und die Amerikaner mehrheitlich für Donald Trump auch ohne die Russen und Facebook gestimmt hätten. Und die soziale Erklärung für den Aufstieg des Rechtspopulismus dürfte ebenfalls als widerlegt gelten. Aber es ist halt bequem, in systemische oder medientheoretische Erklärungen zu flüchten.

 Ein Dieb wird gefasst, der einer Frau eine Kette gestohlen hatte. Der Richter fragt den Dieb: „Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“ Der Dieb antwortet: „Erstens gehört die Kette mir, zweitens habe ich sie noch nie gesehen, und drittens hatte die Frau die Kette einer anderen Frau geklaut.“

 An ihren Ausreden sollt ihr sie erkennen. Kinder und Verbrecher sind selten um welche verlegen. Kriminell sind Rechte und Linke nicht. Dass sie eine Form der politischen Infantilisierung betreiben, dürfte evident sein.

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