• Rechtsextremismus-Forscher Gideon Botsch: „Die Springerstiefel-Träger von damals sind nicht einfach verschwunden“

Rechtsextremismus-Forscher Gideon Botsch : „Die Springerstiefel-Träger von damals sind nicht einfach verschwunden“

Was ist aus den jungen Springerstiefel-Trägern von früher geworden? Welche Rolle spielen sie heute für die AfD? Ein Interview zur Generation Baseballschläger.

Springerstiefel und Baseballschläger: In den 90ern sah man das häufiger auf deutschen Straßen.
Springerstiefel und Baseballschläger: In den 90ern sah man das häufiger auf deutschen Straßen.Foto: imago stock

Gideon Botsch leitet die Emil Julius Gumbel Forschungsstelle für Antisemitismus und Rechtsextremismus (EJGF) am Moses Mendelsohn Zentrum in Potsdam.

Herr Botsch, in den sozialen Medien berichten derzeit hunderte Menschen unter dem Schlagwort #baseballschlägerjahre, was sie in den 90ern zu erleiden hatten, als gewalttätige Neonazis besonders im Osten die Straßen dominierten. Warum ist das immer noch aktuell?
Weil diese Zeit natürlich Auswirkungen bis heute hat. Zum einen natürlich für die Betroffenen. Aber auch die Täter, die jungen Springerstiefel-Träger von damals, sind nicht einfach verschwunden. Sie sind immer noch da. Sie sind älter geworden, berufstätig, haben eine Familie gegründet, ein Haus gebaut. Nicht alle, die sich damals in der rechtsextremen Szene bewegt haben, sind Rechtsextremisten geblieben. Aber bei so manchem, der in den späten 80ern und in den 90ern mit rechtsextremer und antisemitischer Propaganda in Berührung kam, blieb das hängen. Bei der Diskussion um die Frage, warum im Osten so stark rechts gewählt wird, hat dieser Aspekt bislang viel zu wenig Beachtung gefunden.

Also spielt diese Generation Baseballschläger eine Rolle für die Wahlerfolge der AfD?
Die jungen Rechten von damals wählen heute nicht nur häufig AfD. Die AfD wird mitgetragen von Leuten, die früher in der Neonazi-Szene aktiv waren. Je stärker sich die Partei radikalisiert, desto größer wird deren Anteil. Sie stehen an Infoständen, sitzen in Parlamenten. Rechtsaußennetzwerke aus dieser Zeit haben in der AfD heute bestimmenden Einfluss. Wenn Sie sich die Vertreter des „Flügels“ anschauen, dann haben viele eine entsprechende Vergangenheit. Brandenburgs AfD-Landeschef Andreas Kalbitz ist dafür nur das prominenteste Beispiel.

Sie sagen, die Springerstiefel-Träger von damals haben heute selbst Kinder. Werden diese dann auch im Sinne einer rechtsradikalen oder rechtsextremen Ideologie erzogen?
Wenn Kinder in einem solchen Umfeld aufwachsen und ausländerfeindliche Parolen am Küchentisch hören, dürfte die Wahrscheinlichkeit höher sein, dass sie selbst auch irgendwann so denken. Es gab auch Bemühungen von Rechtsextremen, ihren Lebensmittelpunkt in ländliche Räume zu verlegen, wo sie nicht Gefahr laufen, dass ihre Kinder einer multikulturellen Gesellschaft ausgesetzt sind. Aber, dass daraus neue Rechtsextreme hervorgehen ist kein Automatismus. Kinder machen ihre eigenen Erfahrungen und lehnen sich ja auch oft genug gegen ihre Eltern auf.

[Wie konnte ich so wenig davon wissen?, fragt sich unser Autor. Er ist im Osten aufgewachsen und hat den Rechtsextremismus lange für überschätzt gehalten. Seinen Text lesen Sie hier.]

Was begünstigte denn damals in den 80ern und 90ern die Entstehung dieser gewalttätigen, rechtsextremen Kultur?
Breite Teile der Gesellschaft haben die rechtsextreme Gewalt damals als Jugendgewalt bagatellisiert. Man ging damit um, indem man es geschehen ließ. Dazu kam im Osten das Wegfallen elterlicher Autoritäten. In der Umbruchzeit nach dem Ende der DDR wurden viele Eltern arbeitslos oder waren schlichtweg mit anderem beschäftigt. Denen entglitt der Kontakt zu ihren Kindern. In diese Lücke hinein stießen politische Akteure, begleitet von rechtsextremen Musikprodukten, vor allem Rechtsrock. Es entstand eine ganze Bewegung. Es hat Jahre gedauert, bis diese rechtsextremen Schlägertruppen von der Politik als gravierendes Problem ernst genommen wurden.

Gideon Botsch leitet die Emil Julius Gumbel Forschungsstelle für Antisemitismus und Rechtsextremismus (EJGF) am Moses Mendelsohn Zentrum in Potsdam.
Gideon Botsch leitet die Emil Julius Gumbel Forschungsstelle für Antisemitismus und Rechtsextremismus (EJGF) am Moses Mendelsohn...Foto: Karla Fritz, UP

Welche Auswirkungen hatte das?
Es gab im ländlichen Raum – im Osten, aber auch im Westen – für junge Menschen einen enormen Entscheidungsdruck. Schlossen sie sich der rechten Dominanz an, blieben sie unauffällig oder stellten sie sich dem bewusst entgegen? Diese Entscheidung war teilweise lebensgefährlich. Jugendliche im Punkoutfit wurden zu Tode geprügelt. Neonazi-Cliquen mischten planmäßig linke Veranstaltungen auf. Dadurch, dass sich viele andere den rechten Schlägern lieber nicht entgegenstellten, fühlten die sich ermutigt. Wir wissen aus Befragungen junger Täter, dass diese dachten: „Die wollen doch in Wirklichkeit alle das gleiche wie wir: Ausländer raus. Die Alten sind nur zu feige, das auch umzusetzen.“

Warum entstand der Eindruck, dieses Problem habe sich erledigt?
Weil diese Cliquen unter anderem durch staatliche Repressionen zurückgedrängt wurden. Es gab Präventionsprogramme. Aber viele dieser Leute, die sich zwischenzeitlich zurückzogen und eine bürgerliche Existenz aufbauten, sind mittlerweile wieder aktiver. Und bei Rechtsrockkonzerten sehen Sie heute ein Publikum, das mit der eigenen Jugendsubkultur gealtert ist.

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