Ein Denkmal für Gika

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Revolution in Ägypten : Ein Land feiert einen 16-jährigen Helden

„Am 30. Juni wollen wir Gika ein Denkmal bauen“, sagt Mina. Allgemeines Nicken. In der nächsten Stunde werden viele von ihren Erlebnissen mit Gika erzählen. Sie werden dabei Sätze sagen wie diesen: „Du konntest ihn in einen Raum mit Fremden sperren, und wenn du nach fünf Minuten wieder aufgemacht hast, hatte er 20 neue Freunde.“ Oder: „Wenn er dabei war, schien alles möglich. Dieser Typ war niemals 16 Jahre alt.“ Am Ende der Erzählungen hat man dann eine Menge Etiketten für Gika: Anführer, Ikone, Sonntagskind, Spaßvogel.

Richtig nahe aber ist man ihm nicht gekommen. Was ist mit Angst? Hatte Gika Angst? Kopfschütteln. „Angst um andere, ja. Angst um sich selbst, nie.“

Es gibt diese Menschen, denen alles zuzufliegen scheint: der Erfolg, die Herzen, das Glück. Bei denen sieht alles spielerisch aus. Selbst eine Revolution.

Frauen in Ägypten demonstrieren gegen Gewalt des Militärs
Enttäuschte Hoffnungen. Im Januar und Februar 2011 waren sie Teil des Arabischen Frühlings. Zehntausende demonstrierten tagelang auf dem Tahrir-Platz in Kairo.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: dpa
21.12.2011 09:06Enttäuschte Hoffnungen. Im Januar und Februar 2011 waren sie Teil des Arabischen Frühlings. Zehntausende demonstrierten tagelang...

Ahmed Samir nimmt sich zum Erzählen die randlose Brille vom Gesicht. Der Junge, der Gika sterben sah, trägt Bügeljeans, Karohemd. Der 19. November 2012, neun Uhr morgens. Am Tag zuvor hat es schwere Straßenschlachten gegeben, nur noch knapp 50 müde Demonstranten stehen am Eingang der Youssef el-Gendy Street, einem Seitenarm der Mohammed Mahmut Street. Am Ende der kurzen Einbahnstraße liegt eine Mauer, dahinter das Innenministerium. Was genau dort passierte, ist umstritten. Es hat nie eine umfassende Untersuchung des Falls gegeben. Aber Ahmed Samir erzählt es so: Gika und die anderen erkennen vor dem Innenministerium eine Gruppe maskierter Polizisten, zwei von ihnen haben sich auf der Mauer postiert. Gika führt die Gruppe an. Sie laufen skandierend in Richtung Innenministerium. Einer der Polizisten steigt von der Mauer herunter und marschiert, die Waffe im Anschlag, den Demonstranten entgegen. Die meisten bleiben stehen, Gika aber geht weiter. „Na los, erschieß mich doch“, brüllt er, „erschieß mich doch.“ Gika hat die Arme ausgebreitet, den Kopf in den Nacken gekippt, gleich hebt er ab, denkt Ahmed Samir. Und es scheint zu wirken. Der Polizist zieht sich auf die Mauer zurück. Doch dann fallen plötzlich Schüsse. Streumunition. Ein Projektil trifft Gika direkt in den Kopf, weitere dringen in seine Brust und Beine ein, und der Junge, der eben noch drohte davonzufliegen, sackt zusammen.

"Gika war einfach nicht aufzuhalten"

In einem Youtube-Video kann man die Schüsse hören, man sieht die jungen Demonstranten wie ein Schwarm Fische auseinanderstieben, man hört das Geschrei. Ahmed Samir packt Gika unter dem Arm, zerrt ihn auf einen Roller, donnert Richtung Tahrir. Er ist wie betäubt. Sie erreichen einen Krankenwagen, Ahmed schaut an sich herunter, er sieht Blut, überall Blut. Da ahnt er, dass es zu spät sein könnte.

Das Haus, in dem Gaber Salah aufwuchs, hängt in der Häuserreihe wie ein grauer Zahn in einem schlechten Gebiss. Vor dem Haus ein ausgebranntes Auto, darüber Plakate: „Jeder Märtyrer schreibt seinen Namen mit Blut in die ägyptische Geschichte“, steht dort. Die Tür öffnet eine Frau, ganz in Schwarz, müdes Lächeln. Sie führt durch eine schummrige Wohnung in ein kleines Zimmer. Zehn Quadratmeter, überall Pokale, Auszeichnungen, Skizzen. Dazwischen sitzt ein Mann. Er sitzt dort wie in einem alten Leben. Gikas Vater sagt: „In diesem Zimmer wird nie jemand anderes schlafen. Es wird so bleiben. Für immer.“

Salah Jaber ist ein religiöser Mann. Die Falten an den Augen erzählen von wenig Schlaf und viel Kampf in den vergangenen Monaten. Er spricht leise, der Kopf hängt gebückt in die Welt hinein. „Ich wusste immer, dass etwas passieren würde, aber Gika war einfach nicht aufzuhalten.“

Sein Sohn, sagt er, wollte früher Offizier werden. Aber als er sah, wie sich das Militär gegenüber den Demonstranten verhalten hatte, gab er den Traum auf. Und so war es auch mit den Muslimbrüdern. Als Gika erkannte, dass sie sich über die Verfassung stellten, kam es zum Bruch.

Salah Jaber führt im Moment einen Rechtsstreit. Es geht um die Frage, ob Gika ein Held war. Der Antrag zur Aufnahme seines Sohnes in die Märtyrerliste der Revolution blieb von den Behörden unbeantwortet. Über solche Fragen entscheidet in Ägypten nämlich die Regierung persönlich. Ihm gehe es nicht um Geld, sagt Salah Gaber. Er wolle nur Gerechtigkeit. Ist das zu viel verlangt?

"Nicht die Revolution hat mir meinen Sohn genommen. Es waren die anderen."

Sein Gesicht bekommt jetzt einen harten Zug. Zwei Tage vor Gikas Tod seien zwei Männer da gewesen, erzählt er. Sie hätten gedroht, falls Gika nicht von den Straßen verschwinde, würden sie ihn umbringen. „Es war kein Unfall, sie wollten ihn weghaben, weil die anderen zu ihm aufblickten“, sagt er. Am 30. Juni wolle er beten für die jungen Leute, die für ein besseres Ägypten kämpfen. Eines, das er, ein halbes Jahrhundert alt, nie gesehen hat. „Am Ende werden sie siegen“, sagt er. Aber es wird nicht sein Sieg sein. Manchmal frage er sich, was ihm bleibe in diesem neuen Leben. Dem Leben ohne Gika.

Was würde er seinem Sohn sagen? „Du warst im Recht. Du warst ein guter Sohn. Ich bin stolz auf dich.“ Dann steht er auf, verabschiedet sich. Abendgebet. Gikas Mutter serviert süßen Tee. Sie saß die ganze Zeit im Hintergrund. Hat geschwiegen. Kein Zittern, keine Aufregung. Der Schmerz hat sich verändert, sagt sie. Er ist jetzt kalt. Wie Metall, das die Brust beim Reden einschnürt.

Fatima Jalah sieht Gikas Bilder überall in der Stadt. Bei jedem Gang vor die Tür. Manchmal ist das schwer. Aber es hilft auch zu wissen, dass er nicht vergessen ist. Vor kurzem haben ihr Mina und die anderen eine Botschaft im Treppenhaus hinterlassen. Ein rotes Graffito: „Alles Gute zum Muttertag.“ Fatima Jalah sagt: „Nicht die Revolution hat mir meinen Sohn genommen. Es waren die anderen. Warum nur?“

Erschienen auf der Reportage-Seite.

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