"Unsere Heimat kommt nicht in braune Hände!"

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Rostock-Lichtenhagen : Joachim Gaucks Rede im Wortlaut

Bis heute sind Asyl und Zuwanderung häufig Anlässe für Polemik und Panikmache geblieben. In den frühen 90er Jahre war von Flüchtlingsströmen, Zuwanderungswellen, Überflutung und dem „vollen Boot Europa“ die Rede. Heute entzünden sich die Ängste an fremden Kulturen und Religionen, vor allem bei den muslimischen Zuwanderern.

Natürlich wissen wir: Wo Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenleben, bringt das Herausforderungen und nicht selten auch Konflikte. Es hat keinen Sinn, das zu verschweigen oder gar zu leugnen. Auch dann nicht, wenn dies im besten Willen und in bester menschenfreundlicher Absicht geschieht.

Konflikte sind jedoch in gegenseitigem Respekt zu debattieren und zu lösen. Und zur Lösung gehört, sich darüber klar zu werden, dass unser Land inzwischen ein Einwanderungsland geworden ist, dass wir uns aber über das Maß und die Bedingungen der Zuwanderung verständigen und einigen können und müssen. Wenn dies geschieht, werden wir Zuwanderer nicht vor allem als Problem empfinden, sondern als Menschen, deren Anwesenheit zu unserem gemeinsamen Wohl beiträgt.

Wir dürfen uns nicht dadurch irritieren lassen, dass Ängste vor dem Fremden weiter existieren. Oft sind sie Ausdruck von Unkenntnis, innerer Unsicherheit – und von mangelndem Selbstbewusstsein übrigens auch. Das zeigt sich zum Beispiel an der auf den ersten Blick paradoxen Tatsache, dass Fremde besonders dort stark abgelehnt werden, wo nur wenige Fremde leben.

Mecklenburg-Vorpommern hat den geringsten Ausländeranteil von allen Bundesländern, aber es ist neben Sachsen das einzige Land, in dessen Parlament heute die NPD vertreten ist  – und das schon zum zweiten Mal. In Mecklenburg-Vorpommern ist die NPD auch in allen Kreistagen vertreten – als Partei, die hinter manchmal auch biederer Fassade Ängste und Ressentiments schürt.

Übrigens hätten wir dieses Problem gar nicht, wenn mehr Bürger an den demokratischen Wahlen teilnehmen würden! So aber können sich die Neonazis in dünn besiedelten, scheinbar abgehängten Gebieten als selbsternannte Kümmerer und Retter präsentieren – mit rechtsextremistischen Kameradschaften, neofaschistischen Organisationen und NPD-Ortsverbänden, die im Kern darauf abzielen, Neidgefühle und Ausländerhass zu schüren. Ihre Positionen werden nicht immer laut beklatscht, aber oft verharmlost oder im stillen Einvernehmen hingenommen.

Doch heute und hier versprechen wir:

Allen Rechtsextremisten und Nationalisten, all jenen, die unsere Demokratie verachten und bekämpfen, sagen wir: Wir fürchten euch nicht -  wo ihr auftretet, werden wir euch im Wege stehen: In jedem Ort, in jedem Land, im ganzen Staat.

Wir sind stark.

Wir wissen es: Wir sind stark!

Unsere Heimat kommt nicht in braune Hände! 

Natürlich wissen wir: Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gibt es überall in Deutschland. Aber ich will noch auf einen Punkt – weil ich ein hiesiger bin – zu sprechen kommen. Es schmerzt mich, aber ich will es nicht unerwähnt lassen. Fremdenfeindlichkeit gibt es überall, aber es lässt sich nicht leugnen, dass es uns im Osten leider häufiger begegnet. Gerade wir Ostdeutschen, die wir in lange eingeübter Ohnmacht lebten, blieben anfällig für ein Denken in Schwarz-Weiß-Schemata. Wir lebten in einem Land der strukturellen Rücksichtslosigkeit; alles, was anders war, nicht linientreu war, wurde verdächtigt, denunziert, bekämpft oder ausgegrenzt. Die Kultur der offenen Bürgerdebatte war uns fremd, das Zusammenleben mit Fremden kannten wir fast nicht – auf den Straßen dieser Stadt habe ich gedankenlos und wie selbstverständlich für die wenigen Ausländer, die bei uns arbeiteten, die Bezeichnungen „Fidschis“ und „Kanaker“ gehört – das war ganz „normal“.

Es liegt nicht am schlechteren Charakter der Ostdeutschen, dass es Unterschiede zu den Westdeutschen gibt, sondern an unseren unterschiedlichen Prägungen und Erfahrungen: Hier im Osten konnten wir nicht teilhaben an einer Zivilgesellschaft von aktiven und eigenverantwortlichen Bürgern. 

Den manchmal etwas pauschalen Ruf des braunen Ostens überwinden wir allerdings nicht, indem wir lautstark behaupten: Alles ist übertrieben, alles nicht so schlimm! Wir überwinden ihn, indem wir den Beweis im Alltag antreten und dieser noch jungen Demokratie Gestalt geben. Das geschieht – Gott und den Menschen sei Dank – in Rostock, Pasewalk, Eberswalde, das geschieht vielerorts in Ostdeutschland und wird weiter geschehen müssen.

Denn Demokratie ist beständig zu sichern. 

Wir haben sie 1989 nicht ein für alle Mal erkämpft, vielmehr haben wir mit ihr zwei Aufgaben erlangt: Die eine - sie beständig zu verbessern. Die andere - sie beständig zu verteidigen.

Auch wenn wir mit Konflikten konfrontiert werden, auch wenn gelegentlich Parallelgesellschaften das Miteinander gefährden – immer muss das Leitmotiv der Handelnden erkennbar und gegenwärtig sein. Es lautet: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieser wertvollste Satz unseres Grundgesetzes bindet die Garantie der Menschenwürde an keine Bedingungen, an keine Herkunft, keine Hautfarbe, keinen Pass, kein Papier, keinen Stempel.

Im Juli hat uns das Bundesverfassungsgericht an genau diesen Satz erinnert: Ein menschenwürdiges Existenzminimum steht jedem Menschen in Deutschland zu, auch Asylbewerbern!

Dass dies nicht gewährleistet war, wurde von Flüchtlingsräten schon seit Langem moniert, seit fast 20 Jahren vergeblich! 2012 wird nun das Jahr des Handelns. An Gutachten und gutem Willen fehlt es in den Parlamenten und Ministerien ja meistens nicht. Aber es fehlt zuweilen an Rückkopplung in die Praxis, in den Alltag.

Wir vergessen oft:  Die Menschen, die bei uns Aufnahme gefunden haben, werden eines Tages Botschafter sein.

Aber werden sie Botschafter eines offenen, hilfsbereiten Deutschland?

Als Vertreter eines offenen und hilfsbereiten Deutschland sehe ich hier allerdings ehemalige Mitstreiter: Sie waren dabei, als das Neue Forum am 27. August 1992 gemeinsam mit den Rostocker Kirchen einen Schweigemarsch und Friedensgebete organisiert hat. „Zündet Kerzen an und keine Häuser!“, stand auf den Plakaten dieser schon damals bewegten Bürgerinnen und Bürger.

Lichtenhagen bewegt sich nicht erst heute, wie es hier oben steht. Lichtenhagen hat sich schon damals bewegt. Auch daran wollen wir heute erinnern.

Vertreter eines offenen und hilfsbereiten Deutschland  sind ebenfalls die Frauen und Männer, die seit vielen Jahren in Rostock Gelegenheiten zum Austausch und zur Begegnung geschaffen haben. Die Initiative „Bunt statt braun“ gehört dazu, deren Kampagne „Lichtenhagen bewegt sich“ heute diese beeindruckende Gedenkveranstaltung organisiert. Ich danke Ihnen für alles, was Sie in diese Richtung getan haben und noch tun werden.

Und schließlich - und für uns alle am wichtigsten - sehe ich als künftige Botschafter unseres Landes die Kinder, die heute für mich viel mehr sind als ein großer Chor – nämlich ein großes Zukunftsversprechen.

 Liebe Kinder,

Euer Land gibt Euch Lebensmöglichkeiten, von denen Eure Großeltern nur träumten. Es sind die Möglichkeiten, von denen Kinder und Erwachsene aus vielen armen Ländern auch heute noch träumen. Wenn Ihr gerade so schön offene Arme, offene Herzen, offene Geister besungen habt, so soll das auch ein Leitmelodie für das Deutschland sein, das Ihr einst gestalten werdet – ein Land, das lebenswert, liebenswert und deshalb bewahrenswert ist.     

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