• Rostocker Ausschreitungen vor 20 Jahren: Versäumte Aufarbeitung: Lichtenhagen steht am Fenster

Im Ortsbeirat sitzt ein NPD-Politiker

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Rostocker Ausschreitungen vor 20 Jahren : Versäumte Aufarbeitung: Lichtenhagen steht am Fenster

Bei den vergangenen Wahlen lag die Beteiligung in Lichtenhagen immer um die desaströse Marke von 30 Prozent, im Ortsbeirat sitzt ein NPD-Politiker. Heute immerhin bleiben die Nazis ziemlich unsichtbar. Bis auf einen jungen Glatzkopf, der beim Anblick des riesigen Polizeiaufgebots sagt: "Ach stimmt, heute kommen ja die Zecken."

Dass die Aufarbeitung versäumt wurde, sagen alle. Von den Sozialarbeitern über den ehemaligen Ausländerbeauftragten, bis hin zum Innenminister. Am Mittwoch hat sich die Bürgerschaft entschuldigt für ihr politisches Versagen 1992, das das Progrom mit möglich gemacht hat. Die älteren Anwohner, die in Fabians Begegnungsstätte bei Kaffee und Kuchen sitzen, sagen: "Die Entschuldigung kommt 20 Jahre zu spät, das wären die Politiker den Rostockern früher schuldig gewesen." Sie sagen: den Rostockern. Sie sagen nicht: den Ausländern, die auch von Rostockern angegriffen wurden.

Kaum 200 Meter vom Sonnenblumenhaus entfernt steht der kleine, etwas schäbige Imbiss "Asia Thai". Im Angebot hat er die komplette Fast-Food-Palette, von Bockwurst über Curry bis Döner, den Umsatz scheint aber etwas anderes zu bringen. Darauf deuten die vielen Bierkästen hin, und vor allem der einzelne Mann in Jogginghose, der am Fenster sitzt. Auf dem Sperrholz-Tisch neben ihm reihen sich sechs leere Bierflaschen.

Bei uns hier bist du sicher

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Hinter der Theke steht Ha Tan, eine zierliche, mittelalte Frau. Die Vietnamesin lebt seit zehn Jahren in Rostock und betreibt mit ihrer Familie diesen Imbiss. Die Ausschreitungen gegen ihre Landsleute 1992 hat sie nicht miterlebt, aber sie kennt Leute, die im auch im Sonnenblumenhaus gefangen waren. Von der Entschuldigung der Bürgerschaft hat sie nichts gehört, die Demo heute fürchtet sie eher, als dass sie auch nur daran denken würde, mitzulaufen. Auch zur Gedenkveranstaltung am Sonntag sagt sie nur mit schüchternem Lächeln: "Zu viel Angst". All das Gedenken, es erreicht sie nicht, es ist eher eine Belastung.

Doch Ha Tan erzählt auch, dass sie noch am Freitag vorhatte, den Imbiss für das ganze Wochenende zuzusperren, aus Sorge vor Problemen. Ihre Stammgäste hielten sie schließlich davon ab. Der Trinker in der Jogginghose und all die anderen Lichtenhagener, die heute nicht auf der Straße demonstrieren, sie sagten der Vietnamesin: Ha Tan, lass den Laden ruhig auf. Bei uns hier bist du sicher.

Quelle: www.zeit.de

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