Politik : Rufer über die Mauer

Der 13. August 1961 war Egon Bahrs Schlüsselerlebnis für die neue Ostpolitik / Zum 85. des SPD-Mannes

Gerd Appenzeller

Ungewöhnliche Zeiten fördern ungewöhnliche Karrieren. Der Mann, der die sozialdemokratische Ostpolitik entscheidend beeinflusste und mitgestaltete, hat nie eine diplomatische Ausbildung genossen. Auch deswegen wurden Egon Bahrs Gespräche in Prag, Moskau, Warschau und Ost-Berlin in den späten 60er und frühen 70er Jahren nicht nur von der Opposition, sondern auch im Auswärtigen Amt mit Misstrauen und verletzender Kritik verfolgt. Egon Bahr verrate deutsche Interessen, war eine der eher harmlosen Unterstellungen. Wahr ist, dass er diese Interessen anders definierte als die CDU – obwohl unter Bundeskanzler Helmut Kohl ab 1972 dann die zuvor verachtete SPD-FDP-Ostpolitik nahtlos fortgesetzt wurde.

Bahrs politische Fundamentalerfahrung war der Bau der Mauer in Berlin. Er erlebte den 13. August 1961 als Leiter des Presse- und Informationsamtes West-Berlins. Dorthin berufen hatte ihn der Regierende Bürgermeister, Willy Brandt. Dem imponierte der vormalige Rias-Chefredakteur und Chefkommentator des „Rundfunks im amerikanischen Sektor“. Am Tag, als die SED mit dem Bau der Mauer begann, wartete Brandt auf die Hilfe der westlichen Welt. Er rang um mehr als moralische Unterstützung aus Bonn. Dann aber, so hat Willy Brandt es später formuliert, „ging der Vorhang auf und wir sahen: Die Bühne ist leer“.

Aus diesem Gefühl des Alleingelassenseins, aus der Erkenntnis, dass der Westen nichts tun konnte, keimte, was man „die neue deutsche Ostpolitik“ nannte. Bahr hatte ihren Kern am 15. Juli 1963 bei einem Vortrag vor der Evangelischen Akademie Tutzing mit der griffigen Formulierung „Wandel durch Annäherung“ beschrieben. Das hieß: Wir reden mit der anderen Seite, lockern die verkrampfte Atmosphäre auf, vermeiden aggressive Töne und führen so einen langsamen Stimmungswandel herbei. Das war der Gegensatz zur bisherigen eisernen Grundhaltung deutscher Außenpolitik: Annäherung durch Wandel, warten, dass der Kommunismus demokratisch würde. Das hatte sich aber als vertane Zeit erwiesen.

Als Willy Brandt in der großen Koalition im Dezember 1966 Außenminister wurde, nahm er Egon Bahr als Sonderbotschafter mit. In dieser Funktion, dann als Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt und Staatssekretär des Kanzlers Brandt ab Oktober 1969, verhandelte er in Moskau den Gewaltverzichtsvertrag, der am 12. August 1971 in der sowjetischen Hauptstadt unterzeichnet wurde. Die Entwicklung der politischen Großwetterlage, die China-Russland-Politik des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon, die alliierten Vier-Mächte-Gespräche in Berlin zeigten, dass Brandt und Bahr eine sich andeutende weltpolitische Entwicklung richtig eingeschätzt hatten. Der Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR 1972, ebenfalls von Bahr maßgeblich verhandelt, nahm dann schon vorweg, was sich Jahre später als Ergebnis der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit, KSZE, vollendete: eine europäische Tauwetterphase, an deren Ende es keinen Ostblock mehr gab.

Egon Bahrs Annäherungskurs an die SED blieb auch in der SPD nicht unumstritten. Höhepunkt dieser Auseinandersetzung war ein unter seiner maßgeblicher Beteiligung zustande gekommenes gemeinsames politisches Positionspapier von SPD und SED. Dass die SPD zunächst hilflos der Ende 1989 in der DDR neugegründeten Sozialdemokratischen Partei gegenüberstand, war auch eine Folge der engen SED-Kontakte.

Eigentlich wollte Egon Bahr Musiker werden. Aber Enkelkind einer jüdischen Großmutter zu sein, bedeutete in der Nazizeit Studienverbot. Also machte er eine Lehre als Industriekaufmann, wurde Soldat und nach dem Krieg Journalist. Bevor er zum Rias ging, war er von 1948 bis 1950 Korrespondent in Hamburg und Berlin, für den Tagesspiegel. Heute wird er 85 Jahre alt.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben