Scheidender Premier : Silvio Berlusconi: Es gibt nur ihn

Drei Mal wählten die Italiener ihn an die Macht: 1994, 2001 und 2008. 3323 Tage ist er jetzt insgesamt schon Ministerpräsident; das ist eine Spanne in einem Land, in dem die Überlebensdauer von Regierungen lange Zeit in Wochen oder Monaten bemessen wurde. Und noch keiner vor ihm hat eine ganze Legislaturperiode durchgehalten.

Warum aber Berlusconi? Nicht nur weil er mit seinem Geld, seiner Männlichkeit, dem Glamour, dem Erfolg und seinem gerissenen Umgang mit Gesetzen all das verkörpert, was Italiener gerne sein wollen, sondern vor allem, weil er Italiens Kultur grundlegend umgewandelt und nach seinen Vorstellungen zurechtgeformt hat. Und weil er sich damit „als vermutlich einziger Politiker der Neuzeit seine Wähler selbst herangezogen hat“. Zu diesen Schlüssen kommt Berlusconis Biograph Alexander Stille.

Berlusconi, sagen sie selbst in seinem eigenen Medienkonzern, mag als Manager vielleicht nicht der beste sein; als Verkäufer aber sucht er seinesgleichen. Ihm gelang es immer, blühende Welten vorzuspiegeln. Diese waren insofern sogar echt, als er selbst zutiefst daran glaubte. Berlusconi ist promovierter Werbefachmann; Inszenierung ging ihm immer schon über Inhalt.

Alles begann damit, dass der Sohn eines mittelständischen Mailänder Bankdirektors praktisch aus dem Nichts und mit Finanzen von bis heute nicht gänzlich geklärtem Ursprung ein nobles Stadtviertel aus dem Boden stampfte: „Mailand zwei“. Platz für 14 000 Bewohner. Grün, modern. Diese Siedlung versorgte er Anfang der 70er Jahre, als zusätzliches Wohlstands- und Wohlfühlelement, mit einem internen Fernsehprogramm.

Schnell merkte Berlusconi, dass er mit diesem Instrument noch mehr erreichen konnte. Und als 1976 der lokale Privatfunk in Italien erlaubt wurde, kaufte sich Berlusconi kleine Fernsehsender im ganzen Land zusammen und zog so ein regelrechtes Netz auf – was damals noch illegal war und viele Milliarden Lire an Parteispenden kostete.

Italien feiert Berlusconis Rücktritt
12.11.2011: Rund um Berlusconis Privatvilla Grazioli versammelt sich die Masse mit Fahnen und feierte den Rücktritt des Ministerpräsidenten.Weitere Bilder anzeigen
1 von 30Foto: dpa
12.11.2011 21:4512.11.2011: Rund um Berlusconis Privatvilla Grazioli versammelt sich die Masse mit Fahnen und feierte den Rücktritt des...

Es war ein knallbunter Einbruch in eine dröge, vom verschlafenen, behördenartig strukturierten Staatsfernsehen geprägte Bilderwelt. Berlusconi holte die Traumsendungen vom Typ „Reich und schön“ nach Italien – und Fußball. Er übertrug Spiele der Spitzenliga in voller Länge und beförderte damit im fußballvernarrten Italien einen Boom ohnegleichen. Als er 1986 auch noch den A.C. Milan kaufte und im Lauf der Zeit mit teuren Spielern ausstattete, da waren er und seine Fernsehwelt ein Gesamtkunstwerk. Ein einträgliches auch noch. Niemand hatte vor Berlusconi so viel Werbegeld eingenommen; oder noch besser: Vor Berlusconi gab es in Italien gar keine „richtige“ Werbung. Da spielte das Fernsehen in Italien kaum eine Rolle. Sieben Jahre nach seinem landesweiten Start dagegen saß jeder Italiener beinahe drei Stunden täglich vor der Mattscheibe. Und als Berlusconi 1994 seine ersten Parlamentswahlen gewann, hatte er seine stärksten Unterstützer bei den größten Fernsehnutzern, bei Hausfrauen und Rentnern.

Seither regiert Berlusconi mit den eigenen und gleichgeschalteten staatlichen Fernsehsendern. Da für Berlusconis Publikum die Bilder zählen und da sich Italiener zu mehr als 80 Prozent aus dem Fernsehen informieren, fiel das politische Nichts dahinter lange Zeit tatsächlich kaum auf.

Immer wieder mahnen internationale Organisationen an, dass Italiens Medien nicht unabhängig sind. Wie deutlich sich das in der Realität äußert, lesen Sie auf der nächsten Seite.

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