Schlachtereien, Tierleid und Corona : Die kulturelle Last der Billigwurst

Die Berichte über die skandalöse Arbeiterausbeutung in Schlachtereien werden den Fleischkonsum kaum verändern. Sollte das an den Männern liegen? Eine Polemik.

Wetten, am anderen Ende der Zange steht ein Mann? Der Grill ist fest in "seiner" Hand.
Wetten, am anderen Ende der Zange steht ein Mann? Der Grill ist fest in "seiner" Hand.Foto: picture alliance / Arifoto Ug/Mi

Wie wahrscheinlich ist es, dass sich die Berichte über Coronainfektionen in Schlachtbetrieben auf den Absatz von Fleischprodukten auswirken? Man wird es an diesem Mittwoch, dem Tag vor Himmelfahrt, beobachten können – ob an anderen oder sich selbst.

Himmelfahrt, auch als Vater-, Männer- und Herrentag berühmt, ist ein beliebter Termin fürs Grillen, und auf vielen Grills landet bevorzugt Günstiges, denn Grillgut wird in Massen eingekauft. Motto: Soll ja keiner hungrig bleiben, und zur Not wird der Rest eingefroren.

Griller blicken traditionell eher zweckmäßig aufs Fleisch und damit anders als Gourmets und Tierschützer. Und vielleicht bald auch anders als Menschenrechtler. Die Frage ist: Ist damit eine Akzeptanzgrenze erreicht?

Nach vermehrten Infektionen mit Corona vor allem unter osteuropäischen Vertragsarbeitern von Schlachtbetrieben, ist deren Situation der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Es ist eine Situation, für die sich in den oberen Reihen der Politik die Attribute „entsetzlich“, „beschämend“ und der Vergleich „moderne Sklaverei“ fanden.

Jetzt soll es neue Gesetze geben, mehr Kontrollen, höhere Bußgelder bei Regelverletzungen, höhere Steuern für alle werden gefordert. Am Mittwoch will das Bundeskabinett neue Arbeitsschutzregeln beschließen. Werkverträge sollen ab dem kommenden Jahr verboten werden. Alles richtig, denn es geht damit – endlich und hoffentlich - einer Branche an den Kragen, die ihren schlechten Ruf nicht ohne Grund hat.

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Für den Privatkonsum bieten die Vertragsarbeiterenthüllung nach den vielen Berichten über Missstände in den Ställen einen neuen Ansatz zur Selbstbefragung. Will ich wirklich ein Stück Fleisch kaufen, von dem ich annehmen muss, dass sein fabelhaft günstiger Preis mit Tierleid und Arbeitsrechtsverstößen zusammenhängt?

Ändert sich jetzt etwas, oder sind die Folgen, die Preisdumping auch für Arbeiter, also Menschen, hat, an der Fleischtheke so egal wie im Modeshop, wo Billigklamotten ungebremst Absatz finden? Macht es einen Unterschied, wenn die Sklaverei nicht in Bangladesch, sondern in Deutschland stattfindet?

Die traurige Ahnung ist: eher nicht. Es ist den Menschen gegeben, gleichzeitig Elend zu beweinen und zu provozieren und vor den Zusammenhängen die Augen zu verschließen.

Geizhälse haben die Zustände nicht verursacht

Und sicherlich sind die schlimmen Zustände im Schlachtereigewerbe nicht durch Billigshopper und Geizhälse verursacht worden. Die Gründe dafür sind eher der Preisdruck auf den Weltmärkten und die internationale Konkurrenz. Aber eine schlussendliche Duldung beweisen die Verbraucher mit ihrem Einkaufsverhalten diesem System dann eben doch.

Und unter ihnen sind nicht nur diejenigen, die sich vom schmalen Einkommen nichts anderen als das fragwürdige Supersonderangebot leisten können. Es sind auch viele darunter, die billigste Würstchen im großen Eigenheimgarten auf teure Designergrills werfen.

Dennoch erscholl auf die Forderung von Grünenchef Robert Habeck nach Mindestpreisen für Fleisch gleich wieder Empörung. Aufs billige Fleisch zu zielen, das gehe zu weit. Am Ende werde noch jemand auf ein Schnitzel verzichten müssen.

Und selbst wenn? Warum wird die allgemein akzeptierte Logik, dass, wer mehr hat, sich mehr leisten kann, und umgekehrt, beim Fleisch auf einmal verteufelt? Warum entfaltet die Debatte so oft eine Verbissenheit? Es erschließt sich nicht wirklich. Oder muss man einschränkend sagen: Solange man nicht die Genderaspekte in den Blick nimmt, die auch in diesem Thema stecken?

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Die Schlacht ums Fleisch wird öffentlich vor allem von Männern geführt. Sie kaufen mehr Fleisch als Frauen, stehen häufiger (immer?) am Grill und beschweren sich à la Heinz Buschkowsky persönlich getroffen über moralisierende Verbotspolitik, wenn Kritik am regelmäßigen Fleischkonsum laut wird.

Noch genauer wird der Kampf ums Fleisch von eher älteren Männern geführt, denn bei den jüngeren Generationen lässt der Fleischkonsum parallel zum wachsenden Nachhaltigkeitsbewusstsein insgesamt nach. Es sieht danach aus, als stehe das Fleisch auf dem Teller wie der 4000-PS-Sportwagen sinnbildlich für alles das, was Männer auf dieser Welt geschaffen haben: eine laute, öl- und fettriefende Welt voller rauer Schalen, weicher Kerne und deftiger Sprüche, in der für die weichspülerischen, tierproduktefreien Korrektheitsideen der Neuzeit kein Platz ist. Eine Welt der Starken und Durchsetzungsfähigen, der Konkurrenzkämpfe und Brusttrommeleien.

In dieser Welt wird gelacht über die sogenannten Eliten, für die Verzicht das neue Haben ist, weshalb bei ihnen vegan gespeist wird. Und in dieser Welt erweckt nur wenig den Anschein, als sei man an grundsätzlichen Änderungen interessiert. Als sei das in Frage gestellt werden erwünscht.

Billige Wurst als Kulturgut?

Die billige Wurst wird so gesehen weniger als Lebensmittel denn als Kulturgut verhandelt. Was seine Tücken hat. Denn so könnte es durchaus sein, dass die Coronazeit, deren antiemanzipatorische Wirkung vielfach beschrieben wurde, diese auch an der Fleischtheke entfaltet, und sie den Interessen der Männerwelt auch dort den Vorrang zurückverschafft, an dem zuletzt vielstimmige Zweifel angemeldet worden waren.

Für die ausgebeuteten Arbeiter in den Schlachthöfen würde sich dann letztlich nichts ändern - und die Aufregung um ihre Behausungen und prekäre Rechtslagen könnte zusammen mit dem Virus irgendwann einfach verschwinden. 

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