Politik : Schlag gegen Anführer der Taliban?

Vizechef der Islamistengruppe angeblich in Pakistan festgenommen / Keine Bestätigung aus Islamabad

Ruth Ciesinger

Berlin - Es wäre der spektakulärste Schlag gegen die Taliban seit dem Einmarsch der Amerikaner in Afghanistan im Herbst 2001: Wie die Zeitung „Dawn“ am Freitag unter Berufung auf Regierungsbeamte schrieb, haben pakistanische Sicherheitskräfte in Quetta den früheren Verteidigungsminister der Iislamisten, Mullah Obaidullah Achund, gefasst. Obaidullah ist einer der Stellvertreter des nach wie vor flüchtigen Taliban-Chefs Mullah Omar, der nach Medienberichten ebenfalls vom pakistanischen Quetta aus den Aufstand der Taliban im Süden Afghanistans koordinieren soll. Nach früheren Aussagen des 2005 festgenommen Taliban-Sprechers Abdul Latif Hakimi leitet Obaidullah Achund gemeinsam mit Mullah Beradar den zehnköpfigen Führungsrat der Rebellen.

Islamabad bestätigte die Festnahme am Freitag nicht, ein Taliban-Sprecher sagte der Nachrichtenagentur AFP, Obaidullah sei nicht inhaftiert, sondern halte sich in Afghanistan auf. Der Polizeichef Quettas, Rao Ahmed Khan, sagte der Deutschen Presse-Agentur, am Montag seien bei Razzien neun verdächtige Afghanen und Pakistaner festgenommen worden. Obaidullah Achund sei aber nicht darunter. Laut „New York Times“ haben die USA die Festnahme Obaidullahs allerdings bereits bestätigt.

Unter Berufung auf den Regierungsbeamten, der anonym bleiben wollte, beschreibt „Dawn“ detailliert die Umstände der Festnahme. Bereits am Montag sei Mullah Obaidullah gefasst worden, möglicherweise zusammen mit Amir Khan Haqqni, einem Taliban-Kommandeur aus der südafghanischen Provinz Zabul, und Abdul Bari, dem Ex-Gouverneur der Provinz Helmand. In Südafghanistan sind die Taliban auf dem Vormarsch, für das Frühjahr haben sie eine Offensive gegen die internationalen Truppen angekündigt, für die „hunderte Selbstmordattentäter“ bereitstünden.

Am Montag – dem Tag der mutmaßlichen Festnahme – hatte US-Vizepräsident Dick Cheney bei einem Besuch Pakistans Präsidenten Pervez Musharraf gedrängt, härter gegen die Taliban vorzugehen. Andernfalls könnte der US-Kongress die umfangreichen Gelder streichen, die seit dem Beginn des Krieges in Afghanistan nach Islamabad fließen. Dennoch gibt man sich in Washington jetzt nicht sehr beeindruckt von der Festnahme. Sie bedeute voraussichtlich keinen großen Rückschlag für die Aufständischen, zitiert die „New York Times“ einen Regierungsmitarbeiter: Obaidullah „ist ein großer Fisch, aber niemand hier denkt, dass die Aktion dauerhafte Folgen für den Aufstand der Taliban haben wird“. Seit Monaten verstärkt Washington den Druck auf Islamabad, mehr im Antiterrorkampf zu tun. Mit Unbehagen blickt man dabei auf ein Abkommen, das Pakistans Regierung mit Stammesvertretern in Nordwasiristan an der afghanischen Grenze geschlossen hat und in dem die Armee ihren Rückzug aus dem Gebiet zugesagt hat.

Nordwasiristan liegt in den sogenannten Federal Administerd Tribal Areas (Fata), die sich weitgehend selbst verwalten. Der pakistanische Staat ist dort nur durch einen so genannten politischen Agenten vertreten. Von dort aus sollen viele der islamistischen Kämpfer, darunter auch viele Ausländer, nach Afghanistan kommen. Der deutsche Botschafter in Islamabad, Gunter Mulack, bedauerte am Freitag in einem Interview mit der pakistanischen Zeitung „Daily Times“, dass er aufgrund von Sicherheitsrisiken nicht die Erlaubnis erhalten habe, selbst die Fata zu besuchen. „Wir wissen nicht, wie gut oder wie schlecht die Situation in den Stammesgebieten ist, weil wir keinen Zugang haben“, zitiert ihn die Zeitung. Deshalb habe man auch keine Belege dafür, dass sich das Terrornetzwerk Al Qaida in den Stammesgebieten regruppiere. Man könne „nur hoffen, dass sie das nicht tun“, sagte der Botschafter.

Bei einem Anschlag in der zentralpakistanischen Stadt Multan wurden am Freitag ein Richter eines Antiterrorgerichtes verletzt und drei Polizisten getötet. Der Sprengsatz sei ferngezündet worden, als der Wagen des Richters und seiner Leibwächter vorbeifuhr, sagte Multans Polizeichef.

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