Schluss mit Gesellschaft : Zähne zusammenbeißen, die Corona-Kurve beobachten

Eigentlich war die Entscheidung für das Kontaktverbot nicht schwierig. Abgewogen wurde die Freiheit des Einzelnen gegen das höchste Gut, das wir kennen: das Leben. Ein Kommentar.

Nicht mehr als zwei Personen. Berlins Orte werden leer.
Nicht mehr als zwei Personen. Berlins Orte werden leer.Foto: Paul Zinken/dpa

Das, worauf sich Bund und Länder am Sonntag in einer Telefonkonferenz geeinigt haben, heißt nun „Kontaktverbot“. Mehr als zwei Personen – ausgenommen Familien und Menschen, die in einem Haushalt leben – dürfen ab Montag vorerst nicht mehr in der Öffentlichkeit zusammenkommen.

Eine „Ausgangssperre“ wurde nicht verhängt, weitere Bundesländer erließen „Ausgangsbeschränkungen“, auch Berlin. Das Verlassen der eigenen Wohnung ist nur noch aus triftigen Gründen erlaubt.

Die neuen Regeln sind für manche einschneidend, zum Beispiel für Jugendliche. Für die meisten werden sie sich graduell anfühlen. Denn egal, welcher verwaltungstechnische Begriff jetzt oben drauf klebt: Das Land ist ohnehin schon im Ausnahmezustand.

Das öffentliche Leben, wie wir es kannten, ist heruntergeschnitten auf das absolut Notwendige. Eigentlich sogar: auf weniger als das Notwendige.

Mit diesem Montag sind wir nun endgültig auf unverbundene Rumpfgemeinschaften reduziert, auf ein Nebeneinander in der Kerneinheit Familie. Wir leben noch nebeneinander, aber wir sind keine Gesellschaft mehr.

Wirtschaft im Wachkoma

Alles, was Gesellschaft vom bloßen Nebeneinanderleben unterscheidet, ist vorerst abgesagt, nämlich die Beziehungen, die wir wählen und aktiv schaffen und das, was daraus entsteht: Geschäftsbeziehungen, Arbeitsbeziehungen, Netzwerke, Freundschaften, Kunst, Kultur, Produkte.

Der Bundestag wird noch tagen, irgendwie, die Regierung regieren. Doch schon die Wirtschaft wird mit Milliardenhilfen und Kreditzusagen ins Wachkoma verlegt, bis auf Weiteres. Egal, wie die Politik das jetzt nennt: Das ist brutal. Das war nie da.

Und dennoch ist es richtig. Bei der Bekämpfung des Virus handelt es sich um ein klassisches gesellschaftliches Kooperationsproblem: Das Problem betrifft alle. Um es zu lösen, müsste jeder und jede vollständig gemeinwohlorientiert und gleichzeitig gegen die eigenen, unmittelbaren Interessen und Instinkte handeln.

Das ist den Deutschen in den vergangenen Tagen immer besser gelungen, und das ist großartig, ein Echo von Gesellschaft in der Ent-Gesellschaftung. Aber am Ende hat es nicht gereicht. Um Kooperationsdilemmata zu lösen, wurde Staatlichkeit geschaffen. Sie wird jetzt gebraucht und es ist gut zu sehen, dass sie ihre Aufgabe wahrnimmt.

Angesichts der politischen Abwägung, die zu treffen war, war die Entscheidung gar nicht so schwierig. Abgewogen gegen die Freiheit des Einzelnen wurde das höchste Gut, das wir kennen: das Leben selbst. Denn so schwer es so einigen wenigen saturierten Nachkriegsdeutschen noch immer fallen mag, das zu begreifen: Es geht um Leben und Tod.

Elender Erstickungstod

Es geht darum, den tausendfachen elenden Erstickungstod von Menschen zu verhindern. Es geht darum, Zeit zu gewinnen, um die Kurve abzuflachen. Um Krankenhauskapazitäten auszubauen, Beatmungsgeräte, Schutzmasken und Schutzkleidung zur Verfügung zu stellen.

Dennoch wurde um die Details der Entscheidung gerungen – von manchen, wie Markus Söder, aus Profilierungslust, von anderen aus einem demokratischen Impuls. Am Ende macht es nun für das ohnehin ziemlich eremitenhafte Leben keinen großen Unterschied mehr, ob man allein oder zu zweit zusammenstehen darf.

Die nächste Frage ist nun: Wie lange hält die Wirtschaft das aus? Die Bundesregierung greift tief in die Tasche, um Zeit für die Virusbekämpfung zu kaufen – doch mehr als Aufschub bringt das nicht. Und, nicht weniger wichtig: Wie lange halten wir das aus?

In den Rissen des staubtrockenen Verordnungsdeutsch und hinter den Fassaden links und rechts der geisterhaften Straßenzüge wird sich nach und nach ein nagendes Hungergefühl nach Sozialität ausbreiten – nach Gesellschaft.

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