"Schöner wählen" : Warum attraktive Politiker größere Wahlchancen haben

Der schönere Politiker bekommt mehr Stimmen, ergab eine Studie der Uni Düsseldorf. Wie kann man das messen und was lässt sich daraus schließen?

Nummer 1 bei den Spitzenkandidatinnen: Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Bundestag.
Nummer 1 bei den Spitzenkandidatinnen: Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Bundestag.Foto: Karlheinz Schindler/dpa-Zentralbild/dpa

Ein sehr attraktiver Bundestagskandidat kann wegen seines Aussehens bis zu fünf Prozent mehr bei den Erststimmen und drei Prozent mehr bei den Zweitstimmen bekommen – das geht aus einer Studie des Soziologieprofessors Ulrich Rosar von der Universität Düsseldorf hervor. Rosar untersucht seit 2002 die Wirkung von Attraktivität in der Politik. Seine Studie trägt den Titel „Schöner wählen: Der Einfluss der physischen Attraktivität des politischen Personals bei der Bundestagswahl 2017.“

Rosar konstatiert ein zunehmendes „Attraktivitätsbedürfnis“ bei den Wählern und sieht das als einen Ausdruck der abnehmenden Bedeutung großer gesellschaftlicher Konflikte. Damit einher gehe auch die schwindende Bindekraft gesellschaftlicher Gruppen und Parteien: „Wahlentscheidungen werden häufiger kurzfristig getroffen, bei gleichzeitiger Zunahme der Wechselbereitschaft der Wählerinnen und Wähler.“ Weiter erklärt Roser: „In weitgehender Ermangelung umfassender und verlässlicher Informationen zu komplexen politischen Sach- und Kompetenzfragen werden Wahlentscheidungen deshalb – bewusst oder unbewusst – durch rollenferne Eigenschaften der Kandidaten wie ‚sympathisch’ oder ,attraktiv’ beeinflusst.“

Die Parteizugehörigkeit ist weiter sehr wichtig

Attraktivität könne zwar ideologische Grenzen nicht überwinden, sagt Anna Gaßner, die an der Studie beteiligt ist. So wird ein Wähler der Grünen kaum die AfD wählen, weil er die Spitzenkandidatin Alice Weidel attraktiv findet – oder ein CDU-Wähler Sahra Wagenknecht. Die Parteizugehörigkeit der Kandidaten spiele nach wie vor eine wichtige Rolle. Und vor der Attraktivität der Person spielt ihre Bekanntheit eine noch größere Rolle. Aber angesichts der Ergebnisse stellt sich etwa die Frage, ob Manuela Schwesig als Spitzenkandidatin bei der Bundestagswahl nicht mehr Stimmen für die SPD bringen würde als Martin Schulz.

Nummer 1 der männlichen Spitzenkandidaten: Christian Lindner, FDP-Bundesvorsitzender.
Nummer 1 der männlichen Spitzenkandidaten: Christian Lindner, FDP-Bundesvorsitzender.Foto: dpa

Die Wissenschaftler zeigten jeweils zwölf Frauen und Männern Fotos von 1779 Direktkandidaten der Bundestagswahl sowie von Spitzenkandidaten. Die geringe Zahl der Probanden reicht nach ihrer Aussage völlig aus, weil Menschen die Attraktivität einer Person weitgehend übereinstimmend beurteilen; die Wissenschaft spricht hier von einem „Attraktivitätskonsens“, der objektiv messbar ist.

Sahra Wagenknecht (Die Linke) ist mit 4,08 Punkten auf einer Skala von 0 bis 6 die attraktivste Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl gewesen, Christian Lindner (FDP) der attraktivste männliche Kandidat. Alice Weidel (AfD) kam auf auf 3,25 Punkte, die Grünen Katrin Göring-Eckhard auf 2,58 und Cem Özdemir auf 2,13 Punkte. SPD-Chef Martin Schulz kam mit 1,67 Punkten noch vor Kanlerin und Angela Merkel (CDU) mit 1,04. Und wer ist Schlusslicht? Alexander Gauland (AfD). Er kam auf 0,54 Punkte.

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Was treibt den Soziologen zu seinem Thema? Rosar sieht die Entwicklung kritisch und will das „Bewusstsein für diese subtilen Einflüsse des Aussehens“ stärken. Er wolle nicht, dass Politik „zum Schönheitswettbewerb“ werde.

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