Politik : Selbst die Briten feiern die EU

Billige Flüge und kleine Bürokratie: Wie auf der Insel für die Vorteile Europas geworben wird

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Geoff Hoon hat einen der härteren Jobs in der Regierung des britischen Premiers Tony Blair. „Es ist manchmal nicht einfach“, sagte der Europaminister mit britischem Understatement zu der Frage, ob es nicht ermüdend sei, eine Sache zu vertreten, die in Großbritannien alles andere als beliebt ist. Trotzdem wird die EU in diesen Tagen auch im Mutterland der Euroskeptiker gefeiert. Das 50. Jubiläum der Römischen Verträge lässt selbst die Briten nicht ganz kalt.

Für Hoon ist es eine schöne Abwechslung, sich bei Empfängen, Konferenzen und Vorträgen beklatschen zu lassen. Zum Beispiel im royalen Ambiente des Lancaster House am Londoner St. James’s Park. Dort berichteten Jugendliche ihm von schönen Erlebnissen im europäischen Schüleraustausch. „Großbritannien ist ein sehr pragmatisches Land. Wir müssen den Menschen die praktischen Vorteile Europas klarmachen“, sagte Hoon. „Wenn ich im Flugzeug sitze, möchte ich manchmal einfach aufstehen und eine Durchsage machen: Diesen billigen Flug hat Ihnen, liebe Fluggäste, die Europäische Union ermöglicht.“

Die Zeitung „The Independent“ hat die Vorteile der EU in dieser Woche einfach mal aufgelistet und dafür gleich ihre ganze Titelseite hergegeben. „50 Gründe, die EU zu lieben“, stand da unterm blaugelben Sternenbanner. Auch hier die billigen Flüge, die der gemeinsame Markt gebracht hat. Dann die Unterstützung für heruntergekommene britische Städte und Regionen. Oder Europols Erfolge im Kampf gegen die Kriminalität. Mit beliebten Vorurteilen will der „Independent“ aufräumen. Punkt 13 der Liebeserklärung: Die kleine EU-Bürokratie (24 000 Angestellte, das sind weniger als die der BBC). „Europa war das vergiftete Thema in der britischen Politik der letzten 20 Jahre“, sagte der britische EU-Kommissar Peter Mandelson am Donnerstag auf einer Konferenz in London. Doch er höre in letzter Zeit andere Töne von den Politikern auf der Insel. Selbst David Cameron, Chef der traditionell europaskeptischen Konservativen, erkenne die wichtige Rolle der EU in einer globalisierten Welt an. „Er steht allerdings den europäischen Institutionen weiterhin sehr skeptisch gegenüber“, so Mandelson.

48 Prozent der Briten sind nach einer aktuellen Umfrage der Meinung, dass die EU-Mitgliedschaft ihres Landes ihr Leben verschlechtert habe. Geoff Hoon hofft, dass sich diese Haltung ganz langsam ändert und Europa populärer wird. „Wir haben doch inzwischen multiple Identitäten, dass ist doch völlig normal“, sagte der Europaminister. „Beim Fußball bin ich Fan meines örtlichen Klubs Derby County. Beim Rugby unterstütze ich Großbritannien. Und beim Golf fiebere ich mit Europa, wenn es im Ryder Cup gegen Amerika geht.“

Eines macht britischen Europapolitikern ihre Arbeit zurzeit besonders schwer: der Wunsch der deutschen EU-Präsidentschaft, die Europäische Verfassung wieder zum Thema zu machen. Die Briten sehen dies als Schritt zu einer politischen Union, die sie vehement ablehnen. Der deutsche Gesandte in London, Hans Henning Blomeyer-Bartenstein, hielt vergangene Woche an der Universität Reading einen Vortrag über die deutsche EU-Präsidentschaft. Ausführlich legte er deren Ziele dar. Weit mehr als die Hälfte der Fragen aus dem Publikum drehten sich um das „C-Word“, die Constitution. Eine ältere Dame meldete sich zu Wort, lobte den verständlichen und humorvollen Vortrag und sagte dann: „Lassen Sie doch einen Engländer den Verfassungstext schreiben. Dann wird das sehr pragmatisch. Und alles bleibt schön in der Schwebe.“

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