Sie fanden frauenverachtende Raps gut?

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Sexismus-Debatte : Sookee und der #Aufschrei
Karl Grünberg

Gibt es auch versteckten Sexismus?

Überall! Wer sitzt wie, wer darf wie wo laut sein, wer darf sich wie bewegen. Körperlichkeit ist bei Frauen schwierig: Pickel sollen wir wegschminken, auf Unisextoiletten versuchen Frauen, leiser zu pinkeln. Oder mein liebstes Beispiel: lustig sein. Wenn ich als Frau im Abendkleid mit meiner Achsel Furzgeräusche mache, bin ich raus. In dem Moment habe ich jede Sexiness zerstört. Als Typ kannst du furzen, und jemand prostet dir zu. Wenn du in Discos anmutig tanzt, denkt der Mann, du bist gut im Bett. Wenn du komisch tanzt, bist du dazu nicht in der Lage. Frauen nehmen sich zurück und haben weniger Spaß im Leben.

Wann haben Sie das erkannt?

Als Jugendliche hatte ich stark verinnerlicht, dass weiblich minderwertig bedeutet. Dabei war ich eigentlich eine Bauchfeministin. Ich hatte schließlich meine Mutter kämpfen sehen, das Klo putzen, das Geld ranschaffen. Und trotzdem habe ich mich nicht mit anderen Frauen solidarisiert. Ich hatte kein Mitgefühl mit ihnen. Die Jungs haben applaudiert, wenn du Frauen genauso abwertend angegraben oder angemacht hast, wie sie es auch tun.

Sie fanden frauenverachtende Raps gut?

Total. Ich wusste, dass das falsch ist – und habe mich dennoch beteiligt.

Wie denn?

Ich erkannte doch, wenn eine Frau meine Hilfe brauchte. Wenn sie sich zum Beispiel auf einer Party beobachtet fühlt, anfängt zu überprüfen, wie sie gerade aussieht. Ist das Dekolleté zu tief oder ist sie zu besoffen? Ich hätte mich zu ihr setzen können und sagen: „Alter, der schon wieder“, irgendetwas Kleines. Habe ich nicht getan. Ich habe mitgefeiert.

Irgendwann nicht mehr.

Das hat bis zum Abi gedauert. Meine Englischlehrerin hat Genderthemen behandelt, pro Frauenquote und so. Ich konnte mir nicht eingestehen, dass sie recht hatte. Immerhin hatte ich mir so erfolgreich antrainiert, laut und hart zu sein, keinen Schiss zu haben vor den Bullen auf der Straße. Das hat mich große Anstrengungen gekostet.

Später haben Sie sogar Gender Studies an der Humboldt-Universität studiert.

Und Linguistik. Meine Promotion habe ich aber vor zwei Jahren abgebrochen.

Und mit dem „Atzenbanger-Hip-Hop“, wie Sie es nennen, aufgehört.

Es gab da eine Schlüsselszene vor einigen Jahren. Ich stand auf der Bühne und rappte, auf einmal sprang ein Typ zu uns hoch, zog sich erst das Hemd, dann die Hose aus und stand am Ende komplett nackt da. Alle fanden das richtig geil, feierten diesen Punkrock-Moment. Nur ich hatte Gewaltfantasien. Komm mir bloß nicht zu nah, dachte ich. Er hat das gemacht, weil er es konnte. Männer ziehen ihre Hemden aus, wenn ihnen heiß ist. Eine nackte Frau würde einfach als durchgeknallte Schlampe abgestempelt.

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