"Shooting Star" der SPD : Bijan Kaffenberger ist der erste Berufspolitiker mit Tourette

Mit 29 wurde Bijan Kaffenberger jüngster SPD-Abgeordneter in Hessens Landtag. Obwohl er Tourette hat. Oder vielleicht deshalb.

Ein „ehrliches, richtiges Aufstiegsversprechen in unserer Gesellschaft“, dafür will Bijan Kaffenberger sich einsetzen.
Ein „ehrliches, richtiges Aufstiegsversprechen in unserer Gesellschaft“, dafür will Bijan Kaffenberger sich einsetzen.Foto: imago images / Lumma Foto

Drei Minuten hat er Zeit, er spricht über Mobilität, ein deutschlandweites 365-EuroTicket für den öffentlichen Nahverkehr und entsprechende Investitionen. Klimaschutz, das ist das Thema des Antrags für die Rede. Und die Frage, welche Rolle die SPD dabei spielen soll, seine Partei. Er wirkt souverän und selbstsicher.

Plötzlich schleudert seine Hand nach vorn. Zuckt sein Kopf.

Es ist der erste Samstagabend im Dezember, Bundesparteitag der SPD in Berlin. Bijan Kaffenberger sagt: „Der Klimawandel schreitet schnell voran, also halt’ ich mich kurz.“

Bijan Kaffenberger erzählt, dass er ungefähr sieben Jahre alt war, als er in Freundschaftsbücher den Berufswunsch „Bundeskanzler“ schrieb. Mit 29 wurde er 2018 als jüngster Abgeordneter der SPD in den hessischen Landtag gewählt.

Er war der einzige hessische Sozialdemokrat, der es schaffte, ein Direktmandat von der CDU zu erobern. Das machte Menschen neugierig auf ihn. Das und noch etwas: Bijan Kaffenberger ist wohl der einzige deutsche Berufspolitiker mit Tourette-Syndrom.

Kein großer Schritt in die Politik

„Ich bin so oder so auffällig und stehe im Mittelpunkt, ob ich das will oder nicht“, sagt er. „Da war es für mich nicht mehr so ein großer Schritt, in die Politik zu gehen.“ Kaffenberger möchte nicht auf die Krankheit reduziert werden – aber wie gut kann das funktionieren?

Er ist sechs Jahre alt, als seine Hände unterm Tisch zum ersten Mal unkontrolliert zu zucken beginnen. Seine Familie und er merken bald, dass irgendetwas nicht stimmt. Aber was? Erst als Kaffenberger etwa elf Jahre alt war, habe sein Kinderarzt gesagt, das müsse man noch einmal genauer untersuchen. Er bekommt die Diagnose Tourette. Die Familie ist erleichtert. Weil es zumindest kein Gehirntumor ist und es nun eine Erklärung gibt.

Verzicht auf Behandlung

Zwischen 0,4 und 0,7 Prozent der Menschen in Deutschland haben das Tourette-Syndrom. Vor 30 Jahren wusste man noch kaum etwas über die Erkrankung und auch heute sind weder die Ursache noch eine mögliche Heilung bekannt. Man weiß, dass es eine hirnorganische Krankheit ist – verschiedene Hirnareale arbeiten nicht so zusammen, wie sie sollten. Medikamente und Verhaltenstherapien können die Symptome mildern.

Kaffenbergers Tics werden mal stärker in den nächsten Jahren, mal schwächer. Er nimmt Psychopharmaka, Neuroleptika, besucht den Kinderarzt, Psychologen, Psychotherapeuten, einen Tourette-Spezialisten in der Uni-Klinik. Mit 14 beschließt er, das alles zu lassen. Er habe sich gesagt, er habe keine gesundheitlichen Probleme. Für den Verlauf der Krankheit macht es keinen Unterschied, ob man die Symptome behandelt oder nicht.

Charismatisch und authentisch

Beim Parteitag in Berlin wird er alle paar Minuten angesprochen, kann zu nahezu jedem Namen eine Geschichte erzählen. „Ich tendiere dazu, viel mit Leuten zu reden und mir Gesichter zu merken. Auch deshalb bin ich in meinem Wahlkreis gewählt worden“, sagt er. Die hessische Bundestagsabgeordnete Dagmar Schmidt kennt Kaffenberger schon seit etwa zehn Jahren und sagt, er sei genau deshalb ein guter Landtagsabgeordneter, weil er offen sei, auf Menschen zugehe und das Gespräch suche.

Auf der Bühne beim Bundesparteitag spricht Bijan Kaffenberger frei. Der Mann mit den schwarzen Haaren und der schwarzen Brille wirkt charismatisch, authentisch – auch deswegen, weil er die Zuckungen und Tics dauerhaft nicht mal durch höchste Konzentration verbergen kann.

Schon immer gerne debattiert

Er sagt, er habe schon immer gern debattiert. Mit Lehrerinnen, seinen Mitschülern oder seiner Großmutter, bei der er aufwuchs. Seine Mutter starb, als er sechs Jahre alt war, der Vater trennte sich vor Kaffenbergers Geburt von seiner Mutter. Der Großvater arbeitete als Maschinenschlosser bei der Bahn, die Großmutter halbtags als Reinigungskraft.

In der elften Klasse ist er stellvertretender Vorsitzender im Stadtschülerrat von Darmstadt, tritt den Jusos bei, wählt Politik und Wirtschaft als Leistungskurse. Als Erster in seiner Familie besucht er eine Universität, studiert Wirtschaftswissenschaften und International Economics and Economic Policy.

Kommunalpolitik sei wie ein Streichelzoo

Ein „ehrliches, richtiges Aufstiegsversprechen in unserer Gesellschaft“, dafür wolle er sich einsetzen. Gleiche Möglichkeiten für alle, der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit, ein zentrales Thema für seine Partei, treibe ihn an. In seinem Buch „Was machen Politiker eigentlich beruflich?“, das im Februar erschien, schreibt er: „Das Bild, das mich mit vier Rentnern auf meinen Schultern zeigt, für deren Rente ich einzahlen muss, empfinde ich als belastend, aber Angst bekomme ich deswegen nicht.“

Er schreibt, Kommunalpolitik sei wie ein Streichelzoo, nah dran an den Menschen. Das Spielfeld hauptamtlicher Politiker könne man dagegen mit einem Raubtiergehege vergleichen.

Ein Tic zu unterdrücken kostet viel Energie

Im persönlichen Gespräch sind Kaffenbergers Tics stärker als auf der Bühne. Beim Kaffee am Rande des Parteitags schleudert alle paar Sekunden seine Hand nach vorne. Er sagt, seine Freunde hätten so das ein oder andere Bier abbekommen.

Wenn ein Tic komme, fühle sich das an wie vor einem Niesen. So etwas dann zu unterdrücken, koste viel Kraft und Energie. Die Tics werden durch alles Mögliche ausgelöst, zum Beispiel Gegenstände, die herumliegen, die man werfen oder zumindest greifen könnte. Und durch Stress.

Kandidierte als Stellvertreter für Kevin Kühnert

2013 sorgt er als Gemeindevertreter in Roßdorf bei Darmstadt für den Breitbandausbau im Landkreis. Im Jahr 2017 kandidiert er als Stellvertreter des neu gewählten Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert – und verliert. Als Landtagsabgeordneter streitet er vor allem für ein flächendeckendes Glasfasernetz in Darmstadt. Seine Schwerpunktthemen sind Bildung, Mobilität, Wohnen und Digitalisierung.

Weil er wegen des Tourette nicht mit dem Auto fährt, ist er nahezu täglich mit Bussen und Straßenbahnen in Darmstadt und im Landkreis Darmstadt-Dieburg unterwegs, sitzt im Zug nach Wiesbaden. Er sagt: „Man merkt, wo es klemmt. Wann was wo voll ist, zu spät kommt und wo Ausfälle sind.“

Zeitungen beschreiben ihn als "Shooting Star"

Für das Online-Medium „Funk“ von ARD und ZDF moderierte er eine Sendung namens „Tourettikette“, in der er allerlei Fragen beantwortete. Unter anderem diese: Hat der Typ echt Tourette? Klar, lautete Kaffenbergers Antwort, der im Lehnsessel saß und mit dem Kopf zuckte: „Solche Nackenmuskeln bekommst du nicht im Fitnessstudio.“ Mit einer Tourette-Theaterproduktion und dem dazugehörigen Hörspiel „Chinchilla Arschloch, waswas“ gewann er im Team den Deutschen Hörspielpreis der ARD.

Er begann eine Promotion am Lehrstuhl für Bankbetriebslehre der Universität in Frankfurt am Main. Wurde dann aber Referent für Breitbandausbau und Digitalisierung im Thüringer Wirtschaftsministerium, bereitete sich währenddessen auf die Kandidatur für den hessischen Landtag vor.

„Ich bin niemand, der unbedingt einen Titel braucht“, sagt er. Und dann klappte es wirklich. Die Zeitungen begannen zu schreiben, er sei ein „Shooting Star“. „Manchmal wünsche ich mir mehr Qualität in den Debatten und Sachkenntnisse von Kolleginnen und Kollegen“, sagt er.

"Wir machen halt das Beste draus"

Bei einem Gastauftritt im Kanal „Gewitter im Kopf“ des selbst von Tourette betroffenen Youtubers Jan Zimmermann sagt Kaffenberger: „Das Tourette ist eben auch was, was immer da ist und was man nicht eben mal werbetechnisch nutzen kann, weil man eine Wahl gewinnen will.“

Er sagt: „Wir machen halt das Beste draus, aber dadurch werden die schlechten Situationen auch nicht besser.“ Schlechte Situationen gibt es zum Beispiel im Bus, wenn er gestresst ist, Ruhe haben möchte, durch die Tics aber trotzdem Aufmerksamkeit bekommt.

Mindestens einmal pro Woche werde er von jemandem darauf angesprochen oder komme in Situationen, in denen er sich erklären müsse, sagt Kaffenberger. Doch je bekannter er werde, desto seltener komme das vor. „Ich habe das große Glück, dass ich auch fachlich was kann und mich daher in dieser Aufmerksamkeitsökonomie nicht auf Tourette reduzieren lassen muss“, sagt er. „Wer mir das vorwirft, sollte allerdings überlegen, ob er seine Freiheit von Tourette gegen mehr Presse tauschen würde.“

Bijan Kaffenberger möchte nicht weit in die Zukunft planen, sagt er. „Mal schauen, wo mein Weg mich hinführt. Nicht jeder, der Talent hat, muss nach Berlin.“

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