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Russland unternimmt wohl Versuche, ehemalige Mitglieder der afghanischen Armee zu rekrutieren (Symbolbild).
© Foto: Reuters/MOHAMMAD ISMAIL

„Haben nichts zu verlieren“: Russland rekrutiert offenbar ehemalige Elitesoldaten aus Afghanistan

Seit der Machtübernahme der Taliban verstecken sich Tausende Soldaten der Nationalarmee in Afghanistan. Russland scheint deren Lage nun für seine Zwecke nutzen zu wollen.

Russland scheut sich offenbar nicht davor, für seinen Krieg gegen die Ukraine Ex-Soldaten aus Afghanistan anzuheuern. Mitglieder der ehemaligen Eliteeinheit der afghanischen Armee berichten von Rekrutierungsversuchen, schreibt das US-Nachrichtenmagazin „Foreign Policy“.

20.000 bis 30.000 dieser Elitesoldaten sollen sich nach dem Sturz der afghanischen Regierung durch die Taliban im August 2021 noch im Land verstecken, „um der Gefangennahme und Hinrichtung zu entgehen“. Nur ein paar Hundert hochrangige Offiziere seien vergangenen Sommer evakuiert worden. Für die Übriggebliebenen ist die Verpflichtung in Streitkräften anderer Länder oft die einzige Möglichkeit zu überleben.

Schon im vergangenen Jahr warnte Michael McCaul, Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus, dass diese anfällig seien für die Rekrutierung durch Länder, die den Vereinigten Staaten feindlich gesinnt sind.

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Sie „könnten ein Risiko für die Sicherheit der USA darstellen, wenn sie gezwungen oder genötigt werden, mit einem Gegner zusammenzuarbeiten, einschließlich internationaler terroristischer Gruppen oder staatlicher Akteure wie China, Russland und Iran“, zitiert das Nachrichtenmagazin aus einem Bericht des Republikaners.

Die Integration der afghanischen Elitekämpfer in die russische Armee könnten ein „Gamechanger“ für Putins Angriffskrieg darstellen, sagte ein ehemaliger afghanischer Sicherheitsbeamter gegenüber „Foreign Policy“. Bei den Rekrutierungsbemühungen könnte die russische Söldnertruppe „Wagner“ eine entscheidende Rolle spielen, schreibt das Magazin.

Die russischen Söldner treten seit 2014 dort auf, wo der Kreml eigene Interessen mit militärischer Stärke durchsetzen will. Zuerst schickte der Putin-nahe Unternehmer Jewgeni Prigoschin seine Kämpfer auf die Krim. Schon bald tauchten die „Wagner“-Söldner in Syrien und afrikanischen Staaten auf. Erst kürzlich gab Prigoschin offiziell zu, der Chef der berüchtigten Truppe zu sein.

Jewgeni Prigoschin im Jahr 2017.
Jewgeni Prigoschin im Jahr 2017.
© Foto: Imago/Itar-Tass/Mikhail Metzel

„Ich sage Ihnen, dass (die Rekrutierer) die Wagner-Gruppe sind“, zitiert das Nachrichtenmagazin einen ehemaligen afghanischen Offizier. „Sie versammeln Leute von überall her.“

Andere ehemalige Kämpfer würden von Angeboten via WhatsApp und Signal berichten, sich einer russischen „Fremdenlegion“ anzuschließen. Im September berichteten mehrere Medien bereits über Rekrutierungsmaßnahmen in russischen Gefängnissen.

Bis zu 10.000 Kämpfer empfänglich für russisches Angebot

„Jeder, der gerne nach Russland gehen möchte mit besserer Behandlung und guten Ressourcen: Bitte senden Sie mir Ihren Namen, den Namen des Vaters und Ihren militärischen Rang“, zitiert das Magazin aus den Nachrichten. Ehemalige afghanische Militär- und Sicherheitsangehörige warnen gegenüber „Foreign Policy“, dass „bis zu 10.000 ehemalige Kommandosoldaten für die russischen Angebote empfänglich sein könnten“.

Sie haben kein Land, keine Arbeit, keine Zukunft. Sie haben nichts zu verlieren.

Ehemaliger afghanischer Militärangehöriger gegenüber „Foreign Policy“

„Es ist nicht schwierig“, zitiert das Magazin einen ehemaligen Militär. „Sie haben kein Land, keine Arbeit, keine Zukunft. Sie haben nichts zu verlieren.“ In Pakistan, Iran oder der Türkei könnten die Kämpfer nur wenig Geld verdienen, „wenn Wagner oder andere Geheimdienste zu einem Mann kommen und ihm 1000 Dollar anbieten, um wieder ein Kämpfer zu sein, dann werden sie das nicht ablehnen.“

Die Gefahr sei zudem, dass nicht nur ein Kämpfer, sondern gleich ein großer Teil seiner ehemaligen Einheit verpflichtet werde.

Nach ihrer Rekrutierung würden die afghanischen Kämpfer via Teheran nach Russland geflogen, schreibt „Foreign Policy“. Danach verliert sich ihre Spur. „Wenn sie das Angebot Russlands annehmen, werden die Telefone der Kommandomitglieder abgeschaltet“, wird ein ehemaliger Hauptmann zitiert, der bereits mehreren Ex-Kollegen bei Rekrutierungsbemühungen geholfen haben will.

Die Frage scheint nun, überwiegt die Verzweiflung und die Enttäuschung über die Vernachlässigung durch die USA und ihre Verbündeten, die Ortskräften eigentlich eine Evakuierung in Aussicht gestellt hatten oder überwiegt die Ablehnung gegenüber Russland. Die Sowjetunion führte bis 1989 einen zehnjährigen Krieg gegen die von den USA unterstützten Mudschaheddin. Zudem unterhält Russland enge Beziehungen zu den Taliban.

„Die Russen sind der Feind“, zitiert „Foreign Policy“ einen ehemaligen afghanischen Offizier. Die afghanischen Elitesoldaten sollten „besser von westlichen Verbündeten eingesetzt werden, um an der Seite der Ukrainer zu kämpfen“.

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