• Siemens-Chef Kaeser erklärt sich: Nein zu Auftrag in Australien hätte „potenzielle Pleite“ bedeutet

Siemens-Chef Kaeser erklärt sich : Nein zu Auftrag in Australien hätte „potenzielle Pleite“ bedeutet

Siemens-Chef Kaeser verteidigt die Entscheidung für das Kohleprojekt in Australien. Es habe das Risiko einer „nicht bezifferbaren Schadenersatzpflicht“ gedroht.

Siemens-Chef Joe Kaeser.
Siemens-Chef Joe Kaeser.Foto: Peter Kneffel/dpa

Siemens hatte trotz großer Kritik an einem umstrittenen Auftrag in Australien festgehalten. Jetzt sagt Siemens-Chef Joe Kaeser, die Zulieferung für eine umstrittene Kohlemine habe nicht nur mit Vertragstreue zu tun gehabt. Kaeser zufolge trug das Unternehmen ein Megarisiko. Der „Welt“ gegenüber spricht er von einer „potenziellen Pleite“.

"Fridays for Future" protestiert massiv gegen Siemens

Der 18-Millionen-Euro-Auftrag für das umstrittene Kohlenminenprojekt der Adani Group in Australien sei mit der Existenz von Siemens verknüpft gewesen. Es habe eine "nicht limitierte Schadenersatzpflicht bei einseitiger Kündigung" bestanden, sagte Kaeser am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Daher handele es sich nicht nur um einen kleinen Auftrag für Zugsignalsteuerung sagte Kaeser. Bisher hatte der Siemens-Chef die Entscheidung damit begründet, dass es für den Konzern um Glaubwürdigkeit und Vertragstreue gehe.

"Wäre es vielleicht mein Unternehmen gewesen, mein Geld, meine potenzielle Pleite, hätte ich gesagt, fein, lasse ich es darauf ankommen", sagte Kaeser dem Blatt. Er habe aber eine Verpflichtung für den Konzern und es habe das Risiko einer „nicht bezifferbaren Schadenersatzpflicht“ gedroht, sagte Kaeser. Das hohe Risiko sei auch durch ein externes Gutachten belegt worden. Er persönlich hätte das Projekt "wahrscheinlich sogar bei 180 Millionen Euro zurückgegeben".

Das Siemens-Projekt war durch die Proteste der Klimaschutz-Bewegung "Fridays for Future" in die Schlagzeilen geraten. Der indische Industriekonzern Adani will in Australien eines der größten Kohlebergwerke der Welt errichten, das jährlich bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle fördern soll. Die Aktivisten und andere Umweltschützer kritisieren, dass nach Fertigstellung der Mine jährlich zusätzlich 705 Millionen Tonnen Kohlendioxid ausgestoßen würden.

Durch den Bau würden zudem Land und Kulturstätten australischer Ureinwohner zerstört. Zum Transport der Kohle nach Asien würden zudem voraussichtlich jährlich mehr als 500 Kohletanker durch das Gebiet des Great Barrier Reef fahren, was zu weiteren Beschädigungen des ohnehin schon stark leidenden Unesco-Weltnaturerbes führe.

Siemens-Chef Kaeser bot Neubauer einen Job an

Noch größeres Aufsehen entstand, als Kaeser das deutsche Gesicht von "Fridays for Future", Luisa Neubauer, zu einem Gespräch einlud, ankündigte die Entscheidung des Konzerns noch einmal zu prüfen und der 23-Jährigen einen Posten im Aufsichtsrat des Konzerns anbot.

"Fridays-for-Future"-Aktivistin Luisa Neubauer.
"Fridays-for-Future"-Aktivistin Luisa Neubauer.Foto: Clara Margais/dpa

Neubauer lehnte das Angebot ab und sagte: "Ich möchte Herrn Kaeser überhaupt nicht unterstellen, dass er mich kaufen wollte, aber es war strategisch schon gut geplant, in die große Debatte um die Kohlemine überraschend eine Postenfrage einzuwerfen. Und obwohl ich diese Herangehensweise etwas unprofessionell finde, habe ich trotzdem so respektvoll wie möglich reagiert."

Die Aktivisten von "Fridays for Future" reagierten entsetzt

Sie regte stattdessen an, den Sitz einem Vertreter von „Scientists for Future“ zu geben. Kaeser erklärte aber, dies sei nicht die Lösung. Bei der Sicherung der Zukunft des Planeten gehe es nicht nur um Experten, sondern um Führungsstärke. Wenig später teilte der Konzern mit, dass an dem Auftrag in Australien festgehalten werde. Die Aktivisten von "Fridays for Future" reagierten entsetzt und kündigten weitere Proteste auch gegen Siemens an, dies werde auch die Hauptversammlung des Konzerns am 5. Februar betreffen.

Dem "Handelsblatt" hatte Kaeser gesagt: "Der Fall Adani in Australien hat mich gelehrt, dass wir künftig Entscheidungen mit direkt klimarelevantem Bezug im Vorfeld besser evaluieren, dann gegebenenfalls proaktiv erklären müssen, statt dann hinterher auf Kritik defensiv zu reagieren." Und weiter: "Das können wir besser."

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