Politik : Soldaten fühlen sich vernachlässigt

Wehrbeauftragter stellt „skandalöse“ Mängel bei Unterkünften und Defizite bei der Truppenführung fest

Robert Birnbaum

Berlin - In der Bundeswehr greift nach Ansicht des Wehrbeauftragten Reinhold Robbe (SPD) das Gefühl um sich, dass die Alltagsprobleme der Soldaten vernachlässigt werden. Robbe kritisierte am Dienstag bei der Vorstellung seines Jahresberichts 2006 insbesondere „skandalöse“ Mängel an abbruchreifen Kasernengebäuden, eine ständige Unterversorgung mit Ärzten sowie schwere Pannen während des Kongo-Einsatzes. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) kündigte an, er werde bei den anstehenden Haushaltsverhandlungen für mehr Mittel zur Kasernensanierung werben.

Robbe berichtete von Unterkunftsgebäuden mit schimmelnden Wänden, einsturzgefährdeten Decken und „unzumutbaren“ Sanitäranlagen. Während in den neuen Ländern die meisten Kasernen saniert worden seien, finde sich in manchen West-Kasernen noch Mobiliar aus der Gründerzeit der Bundeswehr.

Massive Kritik übte der Wehrbeauftragte des Bundestages auch an der Organisation des Kongo-Einsatzes. Die von der EU-Mission mit dem Aufbau der Zeltstädte betraute Privatfirma sei völlig überfordert gewesen, Abhilfe habe es auch nach frühen Beschwerden über undichte Zelte und überschwemmte Fäkaliengruben nicht gegeben. Robbe warnte eindringlich davor, solche Zustände angesichts der kurzen Einsatzdauer im Kongo für hinnehmbar zu erklären. Die vorgeschriebenen hohen Standards für deutsche Soldaten im Ausland seien unmittelbar verknüpft mit dem Leitbild des „Bürgers in Uniform“. Die Missstände hätten bei einigen Soldaten bereits das Vertrauen in Kompetenz und Weitblick ihrer Führung erschüttert.

In Afghanistan bemängelte Robbe eine ständige Unterversorgung mit gepanzerten Fahrzeugen und Engpässe bei der Versorgung mit Waffen und Munition. Robbe forderte, neben der Vorbereitung auf Auslandseinsätze wieder mehr Zeit und Energie auf die Vermittlung der Grundsätze der Inneren Führung zu verwenden. Vorfälle wie die „Schädelfotos“ in Afghanistan, aber auch Fälle von Übergriffen in deutschen Kasernen wiesen auf Defizite in der Vermittlung von Werten und der Menschenführung hin. Keine Zunahme gab es bei rechtsextremen Vorfällen, 147 seien registriert worden.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben