"Maria" und "Josef" begegnen ihrem ersten Engel.

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Soziale Kluft : Maria und Josef im Ghetto des Geldes

Womöglich haben wir kleine Erschütterungen in Kronberg ausgelöst. Ganz gewiss aber in uns selbst. Was hätten wir an ihrer Stelle getan? Hätten wir anders gehandelt? Das sind die Fragen, die sich jedem Kritiker und jedem Tester stellen – und auf die es keine Antwort gibt. Nur einen zweihundert Jahre alten Satz Gotthold Ephraim Lessings: »Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt.« Sein verhasstes Verdienst ist, zu beschreiben, was er sieht.

Am nächsten Morgen trägt uns ein Zug nach Königstein, in Kronbergs siamesische Zwillingsstadt. Dem Veranstaltungskalender nach ebenfalls ein lohnenswertes Ziel: In dieser Woche wird der Weihnachtsmarkt eröffnet. Hier gibt es eine »Winners’ Lodge« und Vorträge zu den Themen »Führen mit natürlicher Autorität«, »Motivation: Endlich Montag!« und »Zufrieden ist nicht genug«. Und im Hotel Falkenstein Grand Kempinski steigt ein »Whisky-Dinner: Bowmore & Auchentoshan mit 5-Gang-Menü von Oliver Heberlein«.

Königstein ist etwas städtischer als Kronberg. Es lässt sich leichter durchschauen. Hier ist Platz für zwei Kempinski-Hotels. Hier sitzen die Juweliere. Hier wurde 1947 die Junge Union gegründet. Hier hat die FDP bei den Kommunalwahlen im März mehr Stimmen bekommen als die SPD. Hier stehen Deutschlands erste Migräneklinik, die psychiatrische Privatklinik Dr. Amelung und ein Spezialkrankenhaus für Herz- und Gefäßkrankheiten. An jedem zehnten Haus, so kommt es uns vor, hängen Schilder von Heilpraktikern, Physiotherapeuten und Psychologen.

Wir wollen es den Menschen dieses Mal leichter machen: Ab sofort ist Viola auch noch schwanger. Hin und wieder werden wir das beiläufig erwähnen.

In der Villa Rothschild Kempinski – laut Bronzetafel am Portal eines der »Leading Hotels of the World« – tagen heute Manager der amerikanischen JP-Morgan-Bank. Als habe ein Konditor es drapiert, steht das spitzgiebelige Schlösschen auf der Kuppe eines großen Parks. Vor der Tür parkt ein Maybach, Einstiegspreis 400.000 Euro. Das Hotel ist einer von vielen geschichtsträchtigen Bauten in der Gegend: Der Bankiersfamilie Rothschild diente es als Sommerresidenz, ehe sie 1938 vor den Nazis in die Schweiz floh. Zehn Jahre später beriet der Parlamentarische Rat hier über das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Jetzt klöppelt Regen aufs Dach.

Als wir auf einem tiefen roten Teppich in die Lobby treten, ist Gelächter zu hören. Männerstimmen. Mächtigenstimmen. An der Wand ein Gemälde, das an den Parlamentarischen Rat erinnert, veredelt mit dem Satz: »Alle Menschen sind gleich«.

Plötzlich steht eine Mitarbeiterin des Hotels vor uns, ebenso erschrocken wie wir. Händeringend fragt sie: »Wie kann ich helfen?« Wir erzählen ihr unsere Geschichte und bedauern sie sogleich. Das ist das unauflösbare Dilemma unserer Recherche: Ausgerechnet jene, die sich auf uns einlassen, drohen in einen Strudel von Solidaritäten zu geraten. Hastig sagt die junge Frau: »Kommen Sie erst mal den Flur runter – hier wurde schon gefragt, was Sie wollen.« Als sie uns durch einen verwinkelten Gang aus den Augen ihrer Gäste schiebt, fällt uns auf: Lange her, dass wir gesiezt wurden. Aus unserem Versteck heraus hören wir, wie sie die Hotels der Stadt durchtelefoniert, Preise verhandelt. Sie fragt auch einen Vorgesetzten, was ein Tageszimmer koste, zum Ausruhen und Aufwärmen. Unter 115 Euro sei leider nichts zu machen, sagt sie, »und Sie müssen noch weiter um die Ecke. Wenn Sie hier gesehen werden, krieg ich Ärger.«

Noch einmal läuft sie in Richtung der Männerstimmen, scheint wieder Rücksprache zu halten und kommt dann mit Frühstücksresten in Alufolie und Tee in Pappbechern zurück. Sie öffnet eine Notausgangstür und flüstert uns ein »Alles Gute« hinterher.

Wenn wir in dieser Geschichte Maria und Josef gewesen sein sollten, dann war diese junge Frau der erste Engel.

Es gibt eine Straße in Königstein, die ist nicht nur steil und lang, sondern auch legendär – der Ölmühlweg, auf dem sich Commerzbank-Vorstand Martin Blessing als Kind seine »Harry-Potter-Narbe« auf der »hohen Stirn« zugezogen hat, wie das manager magazin einmal beschrieb: »Folge eines Nervenkitzels, den der Zehnjährige ausreizte: Auf dem Fahrrad den heimischen Ölmühlweg in Königstein heruntergerast, Tempo, Tempo. Nicht rechtzeitig gebremst. Ein übler Sturz, Hals über Bordsteinkante, bis schließlich der Kopf am Laternenpfahl landete.«

Erstaunlich, wie klein die Welt auch in Zeiten der Globalisierung sein kann: Am oberen Ende des Ölmühlwegs, am Rande des Kinderkosmos von Martin Blessing – dessen Großvater Bundesbankpräsident war und dessen Vater dem Vorstand der Deutschen Bank angehörte –, steht heute das Kommunikations- und Trainingscenter Königstein, 1971 als Schulungszentrum der Dresdner Bank eröffnet und jetzt in Besitz der Commerzbank.

Ob von 218 Zimmern eins frei sein wird?

Maybach - Untergang eines großen Namens
Ein großer Name des deutschen Automobilbaus ist am Ende - Mercedes stellt die Marke Maybach ein. Nach 1941 stirbt Maybach damit zum zweiten Mal den wenig glamourösen Tod einer Automarke.Weitere Bilder anzeigen
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06.12.2011 10:45Ein großer Name des deutschen Automobilbaus ist am Ende - Mercedes stellt die Marke Maybach ein. Nach 1941 stirbt Maybach damit...

Auf unserem Weg hinauf sammeln wir mikroökonomische Erfahrung: Mit jedem Höhenmeter steigen die Immobilienpreise – und sinkt das Einfühlungsvermögen, vor 2000 Jahren noch »Erbarmen« genannt.

»Wir sind obdachlos und wollten fragen...«

»...gegenüber ist ein Hotel!«

»...und warum klingelt ihr bei mir?«

»...das ist hier oben zu etepetete für euch.«

Schon vor dem Fitnessclub hat uns ein pubertierendes Mädchen erklärt: »Hier ist’s halt scheiße für solche wie euch, hier ist Königstein.«

So klingt die Königsteiner Logik: Wieso versprechen sich Arme ausgerechnet von Reichen Hilfe?

An den Hängen des Taunus bestätigt sich eine Studie des amerikanischen Psychologen Dacher Keltner. Keltner ist Professor an der University of California und hat kürzlich behauptet, vermögende Menschen seien weniger mitfühlend als ärmere. Bevor er mit seinen eigenen Untersuchungen begann, hatte er Material gesichtet: In einer Umfrage amerikanischer Wohlfahrtsverbände gaben Haushalte mit einem Jahreseinkommen von weniger als 25.000 Dollar an, 4,2 Prozent ihrer Einnahmen zu spenden. Haushalte mit mehr als 100.000 Dollar gaben nur 2,7 Prozent weiter. Wohltätigkeitsforscher aus San Francisco werteten Steuererklärungen von unter 35-Jährigen aus und fanden heraus: Jene mit einem Jahreseinkommen von weniger als 200.000 Dollar spendeten 1,9 Prozent – wer mehr verdiente, nur noch ein halbes Prozent.

Anfangs dachte Keltner, ärmere Menschen seien womöglich religiöser oder politisch eher links. Doch dann kam er zu dem Schluss, dass Arme einfach öfter die Erfahrung machten, dass man »sich gegenseitig helfen« müsse: »Es gibt immer einen, der dich irgendwohin mitnimmt oder auf dein Kind aufpasst.« Genau das befähige sie, die Nöte anderer überhaupt wahrzunehmen. In Keltners Studien erkannten jene Testpersonen, die nur einen Highschool-Abschluss hatten, die Gefühle anderer besser als Höhergebildete und Besserverdienende. Wenn Keltner zwei Probanden zum Kennenlernen zusammenbrachte, konnte er sogar beobachten, wie die aus besseren Verhältnissen eher mit irgendetwas herumspielten, nebenbei kritzelten oder ihre Handys nach Nachrichten durchsuchten. »Dass die Reichen etwas zurückgeben, ist psychologisch unwahrscheinlich«, sagt Keltner. »Was Reichtum und Bildung und Prestige und eine gute Position im Leben einem geben, ist die Freiheit, sich auf sich selbst zu konzentrieren.«

Im Kommunikations- und Trainingscenter der Commerzbank verkündet eine Troika von Bediensteten, es sei kein Platz für uns in ihrer Herberge: »Wir sind nämlich eine Tagungsstätte.«

»Ach so, Sie machen nachts zu?«

»Nein, aber...« Außerdem hätten sie den katholischen Pfarrer angerufen. Da seien wir willkommen.

Das Hotelshuttle zurück in den Ort bleibt den Nachwuchskräften der Bank vorbehalten, trotz Violas vermeintlicher Schwangerschaft. Wieder steigen wir einen Berg hinab wie eine soziale Leiter. Es dauert eine Stunde, bis wir den Pfarrer gefunden haben. Der sagt, mit ihm habe niemand telefoniert. Dennoch lässt er den Küster das Gemeindehaus aufschließen, wo auch der Kindergarten untergebracht ist. Auf einem Spielstraßenteppich rollen wir unsere Isomatten aus. Bis spät in den Abend lauschen wir, bewacht von zwei Schaukelpferden, dem Kirchenchor bei seinen Proben für die Weihnachtsmesse.

Am Wochenende verwandelt sich die Stadt: Manager werden Väter, Anzugsgrau weicht signalroten Outdoorjacken. Auf dem Weihnachtsmarkt herrscht heitere Bilderbuchatmosphäre wie auf Ali Mitgutschs Wimmelbildern. Auffallend artige Kinder und entspannte Eltern – wohlerzogener Familienfrieden. Wo wir auftauchen, bildet die Menge eine Schneise aus Erschrecken und Ekel. Wir gehen zum Glühweinstand des Lions Club, laut Selbstauskunft »eine weltweite Vereinigung freier Menschen, die in freundschaftlicher Verbundenheit bereit sind, sich den gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit zu stellen«. Hinter dem Tresen frösteln zwei Herren. Auf unseren Standardsatz »Wir sind obdachlos, kennen Sie eine Bleibe für uns?« reagiert der eine mit: »Draußen?« Und der andere mit: »Nein!« Eilig klappen sie ihre Metallkasse zu.

An diesem Tag ist das Wappen des Clubs größer als seine Güte. Wahrscheinlich muss ein Zeitungsfotograf zugegen sein, damit diese Relation sich umkehrt.

Wir setzen das Wechselspiel zwischen dem Ort und uns im Reichenbachweg fort, Königsteins teuerster Lage: eine friedhofsstille Sackgasse, in der sich säulengeschmückte Villen hinter Thujahecken verbergen. Regen verschleiert den Blick hinunter nach Frankfurt. Wir kauern unter einer Tanne, unserem Rettungsschirm aus Nadeln.

Das ist jetzt aber mal ein klares Signal an die Märkte. Sollten all die »Bankster«-Beschimpfungen und Bändigt die Banken-Schlagzeilen sie beeindruckt haben, wäre nun eine gute Gelegenheit, ein adventliches Ablasspäckchen zu schnüren.

Joggend ziehen junge Paare vorbei, eskortiert von großen Hunden. Wir beobachten Mountainbiker mit Helmen, Schutzbrillen und Prallschutzprotektoren. Wie weiße Ritter aus dem Krieg der Sterne sehen sie aus. Am Wochenende scheinen Schlammspritzer kein Ärgernis für sie zu sein, sondern Sprenkel-Orden, Belege für die fortwährende Veredelung des wertvollen Ichs. Gesprächsfetzen wehen vorbei: »...so was musst du komplett kaufen, sonst hast du immer Ärger mit den Zufahrtsrechten...«

Komisch. In den Nachrichten hört man dauernd von den »verunsicherten Märkten«, von »jubelnden« und »nervösen« Analysten. Ein hypersensibles Volk, das haareraufend Kursstürze verfolgt. Jetzt regt sich in den Gesichtern: nichts. In zweieinhalb Stunden zählen wir 150 Autos. Wieder sind es wuchtige Wagen, Sports Utility Vehicles (SUVs). Sobald sie sich nähern, werden sie langsamer, weil die Insassen einen Blick auf diese beiden Wesen unter der Tanne werfen wollen, als seien sie auf Safari. Dann nehmen sie, Gischt sprühend, Fahrt auf.

Das hohe Ross von heute, es ist ein SUV.

Zwei Autos halten an. Aus dem ersten steigt ein Gärtner in Jeans und Stiefeln. In türkischem Hessisch sagt er, ihm sei zum Arbeiten das Wetter zu schlecht – also könne er uns seinen Proviant schenken: Brötchen, Bananen, Kaffee. Später stoppt ein Wagen, der für hiesige Verhältnisse zu klein ist, darin ein Mann, dessen Haare eher zu lang sind. Ein Architekt? Ein Komponist? Ein Psychologe? Er wirkt ehrlich erschüttert, als er uns durch das Seitenfenster fragt: »Hilft euch Geld?« Er reicht uns einen Schein heraus – wieder sind es 20 Euro –, fährt davon, kommt zurück mit einer Tüte Obst und sagt flehend: »Hier hilft euch keiner. Bitte, bitte fahrt nach Frankfurt.«

Am Abend setzen wir uns vor die Einfahrt zum Hotel Falkenstein Kempinski, auf dessen »Skyliner-Terrasse« gleich das Whisky-Dinner beginnen soll. An unseren Knien lehnt ein Pappschild:

OBDACHLOS + SCHWANGER

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