Gefährden Soziale Netzwerke die Demokratie?

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Soziale Netzwerke in der Politik : Fluch und Segen der Filterblase
Viele User können nicht zwischen echten und gesponserten Nachrichten unterscheiden.
Viele User können nicht zwischen echten und gesponserten Nachrichten unterscheiden.Foto: picture alliance / dpa

Was bedeutet das für die deutsche Debatte?

Wie bei vielen US-Themen gilt auch hier: Sie tauchen in abgeschwächter Form auch in Deutschland auf. Soziale Netzwerke werden auch bei uns in der Mediennutzung immer wichtiger. Der Anteil der Menschen, die Nachrichten nur noch über Soziale Netzwerke bekommen, steigt. Gleichwohl ist die Gesamtzahl der aktiven Facebook- und Twitternutzer in Deutschland im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich. Das liegt an einer gewissen Technik-Skepsis, an einer höheren Datenschutzsensibilität und auch am vorhandenen Angebot. Öffentliche Institutionen tun sich noch schwer mit Aktivitäten auf Sozialen Netzwerken, weil sie häufig auch Interaktion bedeuten, die gescheut wird. Die Debatte um Soziale Netzwerke wurde vor allem bestimmt von der Frage, wie verbreitet der Hass im Netz ist. Und in der Tat ist das auch ein Problem, mit dem vor allem Facebook aber auch Twitter immer wieder konfrontiert werden. Twitter hat in den letzten Wochen aktiv Nutzer gesperrt. Facebook agiert da deutlich defensiver.

Besonderen Wert auf Soziale Netzwerke legt die AfD. Sie hat sich eine große Community aufgebaut. Für die Partei ist das attraktiv, weil sie so Kritik aus den Medien umgeht. Das kultiviert sie, indem sie auch Medienvertreter von Parteitagen ausschließt und sich so auf die Social-Media-Öffentlichkeit verlässt. Allerdings weisen Experten wie der Politikberater und Blogger Martin Fuchs darauf hin, dass die AfD auf Facebook sehr einseitig agiere und wenig Interaktion ausübe, was im Moment funktioniere, aber schwieriger werde, je mehr sich die Partei etabliere. Aber auch alle anderen Parteien stocken ihre Budgets für Social-Media-Kampagnen mit Blick auf die Bundestagswahl auf.

Welche Folgen haben die neuen Techniken für Parteien und Medien?

Niemand kann sich den Sozialen Netzwerken entziehen, wenn man nicht auf ein großes Publikum verzichten will. Es wird Professionalisierungsschübe geben und Rückkopplungen in die analoge Welt. In den USA kann man das schon beobachten, wo neben den Social-Media-Kampagnen vor allem der klassische Straßenwahlkampf an Bedeutung gewonnen hat. Ein wesentlicher Teil Sozialer Netzwerke sind Interaktion, weshalb beim Publikum auch ein Anspruch auf Beteiligung wächst. Vielleicht verhilft das auch einem alten Vorschlag von SPD-Chef Sigmar Gabriel zu neuer Konjunktur: Spitzenpersonal wie einen Kanzlerkandidaten auch durch Vorwahlen wie in den USA oder jüngst bei den Konservativen in Frankreich zu bestimmen.

Gefährden Soziale Netzwerke die Demokratie?

Häufig wird darauf verwiesen, dass Nutzer Sozialer Netzwerke sich nur in ihrer eigenen Peer-Group bewegen, weil der Algorithmus ihnen nur jene Inhalte zeigt, die zu den eigenen Ansichten passen. Das greift zu kurz. Zum einen kann man, wenn man es will, durchaus kontroverse „Freundschaften“ schließen und Ansichten lesen. Zum anderen funktioniert die analoge Welt nicht so viel anders. Im Gegenteil. In den Zeiten vor Social Media und auch Google bewegte man sich auch häufig nur unter Seinesgleichen mit dem Nachteil, dass man über den Rest der Welt noch weniger wusste und weniger Informationen verfügbar waren. Die Filterblase ist heute vielleicht durchlässiger als früher. Gleichwohl wird es schwerer, wertige von weniger wertigen Informationen zu unterscheiden. Mediale Kompetenz wird ein immer wichtigeres Kriterium. Es kann auch zu einer Spaltung der Gesellschaft führen.

Soziale Netzwerke sind aber weder Untergang der Demokratie noch ihre Rettung. Es kommt vielmehr auf den richtigen Umgang mit ihnen, das Verständnis und den Einsatz an.

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