Politik : Späte Entschädigung

Zwei Jahre lang suchte eine Kommission nach jüdischen Versicherungsnehmern

Claudia von Salzen

Das vielleicht schwierigste Kapitel der Entschädigung von Opfern des Nationalsozialismus ist abgeschlossen: Nach jahrelangen Verhandlungen und vielfältigen bürokratischen Problemen haben nun mehr als 48 000 Menschen Geld für nicht ausgezahlte Versicherungen erhalten. Insgesamt wurden weltweit über 306 Millionen Dollar an Opfer des Holocaust ausgezahlt. Das geht aus dem Bericht der „Internationalen Kommission für Versicherungsansprüche aus der Zeit des Holocaust“ (ICHEIC) hervor, die am Dienstag zu ihrer Abschlusssitzung in Washington zusammenkam.

„Wir sind sehr froh, dass wir so weit gekommen sind“, sagte Frank von Fürstenwerth, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. „Aber stolz sind wir darauf nicht. Wir müssen uns vorhalten lassen, warum diese Menschen erst jetzt entschädigt worden sind.“ Bei der Zwangsarbeiter-Stiftung in Berlin ist man ebenfalls erleichtert, dass auch dieser Teil des großen Entschädigungsprojekts nun zum Abschluss gebracht werden konnte. Allein die Verhandlungen über das Abkommen, das die Entschädigung regelt, hatten mehr als zwei Jahre gedauert. „Die Verhandlungen waren langwierig und sehr kompliziert“, sagte Kai Hennig von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, aus deren Mitteln nicht nur die Entschädigung der Zwangsarbeiter, sondern auch der Ausgleich für die Versicherungspolicen bezahlt wurde.

In der vom früheren US-Außenminister Lawrence Eagleburger geleiteten ICHEIC waren Opferorganisationen, Versicherungen und US-Versicherungsaufseher vertreten. Die Unternehmen sahen sich zum Handeln gezwungen, weil ihnen in den USA Milliardenklagen drohten. Die großen deutschen Versicherungskonzerne zahlten daraufhin 500 Millionen Mark in den Topf der Bundesstiftung ein. Dieses Geld wurde später an die Eagleburger-Kommission weitergeleitet.

Schon die Entschädigung der Zwangsarbeiter war mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Doch während die Stiftung 1,66 Millionen Menschen möglichst unbürokratisch ihr Geld zukommen ließ, gestaltete sich die Bearbeitung der rund 80 000 Anträge, die bei der Eagleburger-Kommission eingingen, ungleich schwieriger. Ein Streit über die hohen Verwaltungskosten der ICHEIC belastete die Arbeit zusätzlich.

Mit Zeitungsanzeigen und Aufrufen im Internet machte sich die Kommission 1998 selbst auf die Suche nach Betroffenen. Die meisten Versicherungsinhaber lebten zu dem Zeitpunkt nicht mehr, das Geld haben nun ihre Erben erhalten. Viele von ihnen sind Kinder von jüdischen Auswanderern, die vor den Nationalsozialisten fliehen mussten. Um wirklich alle zu erreichen, die einen Anspruch hatten, ging die ICHEIC einen historisch einmaligen Weg: Sie erstellte eine Liste aller möglichen jüdischen Versicherungsnehmer. Dafür stellten die deutschen Versicherungen neun Millionen Namen von Policeninhabern zur Verfügung – diese riesige Datenmenge wurde abgeglichen mit etwa 2,5 Millionen jüdischen Namen, die auf Auswandererlisten und in anderen Quellen auftauchten. Übrig blieben mehr als 360 000 Namen. Wer seine Angehörigen auf dieser Liste fand, hatte einen ersten Anhaltspunkt.

Doch nur jeder dritte Antragsteller kannte auch den Namen der Versicherung. Die meisten Anträge mussten daher von allen Versicherungen einzeln überprüft werden. So konnte es bis zur Auszahlung des Geldes mehr als fünf Jahre dauern – „viel zu lange“, sagen die Beteiligten. Für die Mehrheit der Antragsteller fand sich in den Archiven jedoch kein Nachweis mehr. Da ihre Anträge aber glaubhaft erschienen, erhielten sie am Ende immerhin noch eine pauschale Entschädigung von 1000 Euro.

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